ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2003Martin-Gropius-Bau: Avantgarden in Mitteleuropa

VARIA: Feuilleton

Martin-Gropius-Bau: Avantgarden in Mitteleuropa

Dtsch Arztebl 2003; 100(3): A-138 / B-126 / C-122

Lenze, Susanne

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Sándor Bortnyik, 1893–1976, Der neue Adam, 1924, Öl auf Leinwand, 48 x 38 cm, Budapest, Ungarische Nationalgalerie Fotos: Martin-Gropius-Bau
Sándor Bortnyik, 1893–1976, Der neue Adam, 1924, Öl auf Leinwand, 48 x 38 cm, Budapest, Ungarische Nationalgalerie
Fotos: Martin-Gropius-Bau
220 Gemälde, Skulpturen, Möbel und Grafiken

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die vielfältige Kulturlandschaft Europas – nämlich Mitteleuropa – am Beginn des 20. Jahrhunderts heute weitgehend unbekannt ist“, sagte Timothy O. Benson, Hauptkurator am Rifkind Center for German Expressionist Studies in Los Angeles.
Benson spricht von jener Kulturlandschaft, die sich ohne feste Grenzen entlang von Donau und Oder, vom Balkan bis zum Baltikum, erstreckte. Er bezieht sich auf die verschiedenen avantgardistischen Strömungen gleich gesinnter Künstler und Literaten der Avantgarde in den vierzehn Städten: Prag und Budapest, in Wien und Berlin, in Weimar und Dessau, in Bukarest und Zagreb, in Belgrad und Ljubljana und Posen, in Krakau, Warschau und Lodz – zwischen 1910 und 1930. Diese Kunstentwicklung wurde durch die Nazis, den Zweiten Weltkrieg und den Stalinismus abrupt unterbrochen. Nach 1945, in der Zeit des Kalten Krieges, konnten die vielfältigen künstlerischen Beziehungen weder angemessen erforscht noch ausgestellt werden. Benson erinnerte bei der Eröffnung und Pressekonferenz der Ausstellung „!Avantgarden! – Kunst in Mitteleuropa 1910 bis 1930“ im Berliner Martin-Gropius-Bau an jene Landschaft und jenen Kulturaustausch.
Im Martin-Gropius-Bau werden bis zum 9. Februar etwa 220 Objekte – Gemälde, Skulpturen und Grafiken sowie Kunsthandwerk, Möbel und Keramik aus jener Zeitepoche gezeigt. „Die Exposition will mit Werken der wichtigsten dort wirkenden Künstler ein Bild jener blühenden Kultur umreißen und ihren nicht unerheblichen Teil an der Entwicklung der europäischen Moderne dokumentieren“, sagte Benson. Wo war der geographische Mittelpunkt solchen kulturellen Austauschs? Wo ist das Zentrum der Avantgarde? „Nur hier – irgendwo in der Nähe“, antwortet Benson. Nach seiner Ansicht gab es zwischen 1910 bis 1930 nicht nur einen Höhepunkt. Es existierten in den Jahren von 1910 bis 1930 viele Avantgarden. Überall in den vierzehn Städten
Joseph Cocár, 1880–1945 Schreibtisch aus Dr. Deyls Wartezimmer, 1915 poliertes Eschenholz, Leder 110 x 138 x 80 cm Prag, Museum of Decorative Arts
Joseph Cocár, 1880–1945 Schreibtisch aus Dr. Deyls Wartezimmer, 1915 poliertes Eschenholz, Leder 110 x 138 x 80 cm Prag, Museum of Decorative Arts
Mitteleuropas trafen sich Künstler, Schriftsteller, Sammler, Kritiker, Galeristen und andere Intellektuelle in Ateliers und Cafés, organisierten Ausstellungen mit eigenen Werken und denen der anderen. Die Künstler veröffentlichten Zeitschriften, bildeten Künstlervereinigungen, tauschten ihre künstlerischen und politischen Auffassungen aus und bildeten ein weit verzweigtes Netzwerk der Avantgarden.
„In einer Ausstellung über die Zentren der ostmitteleuropäischen Avantgarde darf auch Berlin mit seinen kosmopolitischen Cafés, Galerien und Ateliers nicht fehlen“, beschrieb Benson das Berlin der 20er-Jahre. Auch Prag war lange Zeit Sammelbecken kultureller Strömungen. Um 1910 gab es in der Stadt blühende tschechische, deutsche und jüdische Gemeinden, die in einer friedlichen Koexistenz lebten. Einige Prager Künstler, Designer und Architekten hatten in Wien oder Paris studiert. 1911 wurde die Skupina (Gruppe bildender Künstler) in Prag gegründet. Ihre Mitglieder waren mit dem französischen Kubismus bereits vertraut. 1912 organisierte die Skupina Ausstellungen. Die tschechische, von Skupina vertretene Variante des Kubismus war stark geprägt vom böhmischen Barockstil, der sich in den Fassaden vieler Prager Häuser erhalten hatte. Die Skupina-Ausstellungen präsentierten Möbel von Josef Gocár, Gemälde unter anderen von Vincenc Benés sowie Skulpturen von Otto Gutfreund und Pablo Picasso. Benson verweist auch auf diese Skulptur aus Bronze, die Gutfreund 1911 schuf. Für Benson ist der tschechische Kubismus seinem Wesen nach vielleicht enger verwandt mit den Werken Ernst Ludwig Kirchners, Karl Schmidt-Rottluffs und anderer deutscher Expressionisten. Umgekehrt war das deutsche Interesse an tschechischer Kunst gleichermaßen stark.
Beim Betrachten der Objekte wird einem bewusst, mit welcher Selbstverständlichkeit sich damals Künstler und Kunst austauschten. Der damalige Traum von der Rolle der Kunst in einem sich näher rückenden Europa wird heute, bei der anstehenden EU-Erweiterung, wieder aktuell. Die Exposition schafft es, diesen kulturellen Austausch, diese kulturelle Landkarte wieder erahnen zu lassen. Susanne Lenze
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