ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2003Sprachideologie: Worthülsen

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Sprachideologie: Worthülsen

Dtsch Arztebl 2003; 100(4): A-149 / B-137 / C-133

Clade, Harald

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LNSLNS Die gesundheitspolitische Diskussion ist mit gestanzten Formulierungen besetzt. Schlagwörter werden als Sprachsymbole mit oftmals abweichenden Inhalten hinterlegt, sodass die Definition an Konturen verliert, schwammig wird und nicht allgemeinverbindlich eingesetzt werden kann. Wortidentische Begriffe werden, weil sie mit unterschiedlichem Inhalt versehen sind, von Streitern aus gegensätzlichen Lagern, von Interessenten mit unterschiedlichen Grundanliegen und Weltanschauungen für unterschiedliche Reformziele instrumentalisiert. Dann aber werden Schlagwörter zu Sprachideologien, zur „Munition“ in der dialektischen Auseinandersetzung.
Viel gebrauchte Wörter in der gesundheitspolitischen Reformdiskussion sind: Struktur, Strukturkrise, Strukturvertrag, strukturell und Strukturreform. Vielfach wird Strukturreform gleichgesetzt mit einer generellen oder nur punktuellen Überarbeitung des Rechtes der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV), ohne dass dabei tatsächlich Strukturen sowohl auf der Finanzierungsseite als auch bei der Leistungserbringung und den Leistungsträgern merklich tangiert werden. Viele, die das Wort Strukturreform im Munde führen, sehen sich bestärkt in der Meinung, Strukturreform sei ein inhaltlich starkes, aussageträchtiges Wort. Oftmals ist es das Gegenteil: Strukturen sind eine blasse, inhaltsleere Formel – ebenso die auf die Ersatzkassenverbände zurückgehende Losung vom „solidarischen Wettbewerb“. Beiden Begriffen wird stets ein positiver Werte-Inhalt zugrunde gelegt, als ob man, wenn man sie in den Mund nimmt, eine heile Welt zaubern könnte. Strukturen im Gesundheitswesen sind nicht konkret fassbar, schon gar nicht mit einer Worthülse zu umschreiben.
Auch den Vokabeln „sozial“ und „solidarische Finanzierung“ wird ein überwiegend positiver, dem Gemeinwohl verpflichteter Inhalt zugeschrieben. Dabei wird so getan, als werde ausschließlich die Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung solidarisch finanziert. Jede Versicherung – Sozial- und Individualversicherung – ist solidarisch durch eine Versichertengemeinschaft finanziert. „Solidarisch“ und „Solidarität“ lassen sich deshalb nicht allein auf die GKV begrenzen.
Dr. rer. pol. Harald Clade
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