ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2003Gentherapie: Zweiter Leukämiefall in Frankreich

AKTUELL: Akut

Gentherapie: Zweiter Leukämiefall in Frankreich

Dtsch Arztebl 2003; 100(4): A-153

Koch, Klaus

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LNSLNS Gerade erst hatten sich das Paul-Ehrlich-Institut und die Bundes­ärzte­kammer in Deutschland positiv zur Weiterführung dreier klinischer Gentherapie-Studien geäußert, in denen Retroviren zur Genübertragung verwendet werden sollten. Jetzt muss eine der drei Studien vorerst doch unterbrochen bleiben, die beiden anderen dürfen nur unter verschärften Auflagen wieder aufgenommen werden. Grund ist ein zweiter Fall einer „Leukämie-ähnlichen Erkrankung“ in einer französischen Gentherapie-Studie an Kindern mit einer schweren angeborenen Immunschwäche. Nach dem ersten Fall hatten die beiden Institutionen im September 2002 empfohlen, alle in Deutschland laufenden Studien mit Retroviren vorerst zu stoppen (Dtsch Arztebl 2002, 99: A-3293 [Heft 49]).

Über den zweiten Fall wurde das Paul-Ehrlich-Institut bereits kurz vor Weihnachten von Dr. Alain Fischer (Hôpital Necker des Enfants Malades in Paris) informiert. Fischer leitet eine Gruppe, die bislang elf Kinder behandelt hat, die an der erblichen Immunschwächekrankheit SCID-X1 (Typ X1 der „Severe Combined immunodeficiency Disease“) leiden. Die schwere Abwehrschwäche zwingt die Kinder zu einem Leben in einem Sterilzelt. Mithilfe der Retroviren haben die Ärzte eine intakte Kopie des der Erbkrankheit zugrunde liegenden Gens in Blutstammzellen eingefügt. Neun der elf Kinder konnten daraufhin ein normales Leben beginnen. Noch ist der Grund für die beiden Erkrankungen offen. In den USA hat auch die Arzneimittelbehörde FDA (Food and Drug Administration) 27 Retrovirus-Studien vorerst ausgesetzt. Allerdings habe es in keiner dieser Studien bislang Meldungen über möglicherweise Gentherapie-bedingte Leukämien gegeben, sagt die FDA.

Der Stopp trifft in Deutschland eine Studie an Patienten mit der erblichen Immunschwächekrankheit chronische Granulomatose. In dieser Studie sollen, wie in Frankreich, Blutstammzellen verwendet werden, „deren Risikopotenzial vorläufig höher als das anderer retroviral modifizierter Zellen eingeschätzt wird“, urteilt Prof. Klaus Cichutek, Vizepräsident des Paul-Ehrlich-Instituts. Cichutek bewertet die Nachricht vom zweiten Leukämiefall als „einen ernsthaften Rückschlag“. Wieder aufgenommen werden dürfen zwei Studien, in denen es um die Behandlung von Abstoßungskomplikationen nach Knochenmarktransplantationen geht. Klaus Koch
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