POLITIK

Jammern

Dtsch Arztebl 2003; 100(4): A-161 / B-147 / C-143

Böhmeke, Thomas

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Während in grauer Vorzeit das Diktat des Fressens und Gefressenwerdens über Sein und Nichtsein entschied, die Klaue eines Dinos oder der Säbel eines Tigers schwächelnde Existenzen dahinraffte, so hat heute der Mensch als Krone der Schöpfung den Nachteilsausgleich erfunden. Unsere Sozialgesetzgebung ist das Manifest, das uns von den niederen Tierarten abhebt, indem es die vom Leben Bestraften schützt. Haben wir doch für jeden erdenklichen Nachteil, den uns das Schicksal zugefügt hat, einen Ausgleich zu erwarten. Heerscharen von Juristen sind damit beschäftigt, dies in die Tat umzusetzen und den kleinsten Makel durch pekuniäre und andere Wohltätigkeiten zu verhindern; man muss nur lautstark sein Unglück beklagen, sofort wird das Füllhorn des IX. Sozialgesetzbuches ausgeschüttet.
Aber genau hier liegt das Problem: Wir haben eine miserable Jammerkultur. Ich muss immer wieder feststellen, dass sich hierzulande niemand, rein gar niemand um einen gekonnten Jammerauftritt bemüht. Meine letzten Haare (siehe Bild links unten) muss ich mir ausraufen, wenn Kollegen in der S-Klasse bei der Kassenärztlichen Vereinigung vorfahren, um die Armut ihrer Praxis zu beklagen. Verzweifelt versuche ich den Vater, der die Unterhaltsklage wegen Mittellosigkeit abschmettern will, davon abzuhalten, den Gerichtssaal im Armani-Anzug zu stürmen. Nicht zu entschuldigen ist der GdB*-Suchende, dem bei der Begutachtung die Zehner-Karte fürs Fitness-Studio aus der Jogging-Hose fällt. Unglücklich bin ich mit meinen Patienten, die schon bei der telefonischen Anmeldung einfachste Regeln missachten: „Mir geht’s so schlecht, ich brauche dringendst eine Untersuchung!“ „Kommen Sie bitte sofort vorbei.“ „Sind Sie noch bei Trost? Ich bin im Nachthemd!“ „Gut, heute nachmittag, mit etwas Wartezeit.“ „Wartezeit? Dafür geht’s mir aber zu schlecht!“
Viele Beispiele, liebe Kolleginnen und Kollegen, die ein bezeichnendes Licht auf die grassierende Unfähigkeit werfen, ein stilsicheres, in sich schlüssiges Bild des Jammers abzugeben. Aber gerade in den heutigen Zeiten ist es überaus wichtig, dies nicht durchgehen zu lassen: Haben Sie schon daran gedacht, dass unsere Regierung einen Nachteilsausgleich für Staaten, quasi einen Gesamt-GdB für die Bundesrepublik, durchsetzen könnte? Unsere Nachbarn würden uns vielleicht mitleidig mit „Les mise´rables“ oder „german whimpering disease“ etikettieren, aber: wir bekämen aus Brüssel Milliarden Euro, die unser dahinsiechendes Wachstum für Jahre kompensieren würde.
Jetzt wünschen mir manche sicher einen Säbelzahntiger an den Hals. Richtig fürchten tue ich den allerdings nicht: Ich bräuchte nur anfangen zu jammern – und er würde sich totlachen. Dr. med. Thomas Böhmeke
*GdB = Grad der Behinderung
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