ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2003Kaiserin-Friedrich-Stiftung: Austauschprogramm gefährdet

POLITIK

Kaiserin-Friedrich-Stiftung: Austauschprogramm gefährdet

Dtsch Arztebl 2003; 100(4): A-162 / B-148 / C-144

Freese, Hans-Jörg

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Kaiserin-Friedrich-Stiftung in Berlin Foto: Eberhard Hahne
Kaiserin-Friedrich-Stiftung in Berlin
Foto: Eberhard Hahne
Berlin ist pleite. Deshalb soll jetzt auch die Unterstützung
für ein bundesweit einmaliges Austauschprogramm zwischen
deutschen und chinesischen Ärzten gestrichen werden.

Wenn sich Dr. Lai Renfa an seine Zeit in Berlin erinnert, fallen ihm zuerst seine deutschen Kollegen ein, „die immer sehr fleißig arbeiten – selbst wenn der Chef nicht da ist“. Solche für chinesische Verhältnisse nicht alltäglichen Beobachtungen machte der Gesichtschirurg von der Jinan-Universität in Kanton während seines Aufenthalts als Stipendiat der Kaiserin-Friedrich-Stiftung für das ärztliche Fortbildungswesen in Berlin.
Suche nach Geldgebern
Seit 20 Jahren kooperiert die Stiftung mit der Jinan-Universität und hat seitdem 136 chinesischen Stipendiaten aus Kanton eine einjährige ärztliche Fortbildung an Berliner Kliniken ermöglicht. Im Gegenzug arbeiteten bislang 13 deutsche Stipendiaten an den Krankenhäusern der Jinan-Universität in Kanton, um sich mit der traditionellen chinesischen Medizin vertraut zu machen. Doch jetzt droht dem mit viel Engagement von beiden Seiten betriebenen Austauschprogramm das Aus: Angesichts ihrer prekären Haushaltslage will sich die Stadt Berlin aus der Finanzierung des Programms zurückziehen. „Wenn wir keinen neuen Geldgeber finden, werden wir das Projekt nicht weiterführen können. So weit darf es nicht kommen; ein einmaliges völkerverbindendes Projekt käme zum Erliegen; viel investiertes Engagement wäre vertan“, sagt Prof. Dr. Jürgen Hammerstein, Geschäftsführer der Kaiserin-Friedrich-Stiftung.
Durch die persönlichen Kontakte sei in den vergangenen Jahren ein intensives Beziehungsgeflecht entstanden, auf das auch potenzielle Sponsoren zurückgreifen könnten. „Über die Jahre hat sich ein beispielhaftes Vertrauenspotenzial zwischen dem Universitätspräsidium und dem Stiftungsvorstand aufgebaut. Das kann man nicht mit Gold aufwiegen“, betont Hammerstein. Auch schreite die Entwicklung in China so rasant voran, dass mit starken Innovationsschüben nicht zuletzt in der medizinischen Grundlagenforschung zu rechnen sei. „Jetzt haben wir noch die Nase vorn. Aber schon in ein paar Jahren könnten uns die Chinesen eingeholt haben“, gibt Hammerstein zu bedenken. Dann könnte sich die Kooperation auch für die deutsche Seite immer mehr auszahlen.
Wie groß das beiderseitige Interesse an einer dauerhaften Zusammenarbeit ist, konnte eine 11-köpfige deutsche Delegation bei einem Alumni-Treffen auf dem Campus der Jinan-Universität vor zwei Monaten miterleben. An der zweitägigen Ärzte-Tagung nahmen etwa 100 ehemalige chinesische Stipendiaten der Kaiserin-Friedrich-Stiftung teil. Mehrere ehemalige chinesische und deutsche Stipendiaten berichteten über ihre Erfahrungen an den Kliniken im anderen Land und die Fortsetzung ihrer beruflichen Laufbahn nach der Rückkehr in die Heimat. Dabei wurde deutlich, dass mehr als ein Drittel aller Leitungsfunktionen an den Jinan-Kliniken inzwischen von ehemaligen Stipendiaten der Berliner Stiftung wahrgenommen werden. Die Universität profitiere von ihren mit „deutschen Tugenden“ ausgestatteten Ärzten, erklärte Universitätspräsident Liu. Besonders im klinischen Alltag mache sich die Kenntnis moderner Behandlungsmethoden und westlicher Standards positiv bemerkbar. Innerhalb der medizinischen Fakultät werden 80 Prozent der Drittmittelzuwendungen von ehemaligen Berliner Stipendiaten eingeworben.
Intensives Beziehungsgeflecht
So verwundert es nicht, dass sich die chinesische Seite stärker als bisher an den Kosten des Austauschprogramms beteiligen will. Auch wenn noch ungeklärt ist, wie das Finanzloch auf deutscher Seite gestopft werden kann, soll nichts unversucht gelassen werden, um den Partnerschaftsvertrag auch weiterhin zu erfüllen. Die vorerst letzte Stipendiatengruppe, fünf Fachärztinnen und ein Facharzt, ist im September 2002 in Berlin eingetroffen. Zuvor waren sie von der Jinan-Universität für einen neunmonatigen Deutschkurs von allen klinischen Verpflichtungen freigestellt worden. Nach einem weiteren einmonatigen Sprachintensivkurs in Berlin sind sie jetzt an verschiedenen Berliner Kliniken tätig. Neun ehemalige Stipendiaten arbeiten gegenwärtig in Berlin an ihrer Doktorarbeit. Nicht selten erhält die Kaiserin-Friedrich-Stiftung von offiziellen Delegationen und ehemaligen Stipendiaten aus Kanton Besuch. Viele der chinesischen Ärzte haben noch „einen Koffer in Berlin“, wenn auch vieles ganz anders ist als im eigenen Land. So fiel Dr. Lai noch auf, „dass die Leute in der U-Bahn oder im Bus immer die Zeitung oder Bücher lesen, auch wenn sie etwas kalt aussehen“.
Hans-Jörg Freese
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema