ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2003Sri Lanka: Psychologische Hilfe für traumatisierte Kinder

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Sri Lanka: Psychologische Hilfe für traumatisierte Kinder

Dtsch Arztebl 2003; 100(4): A-176 / B-162 / C-158

Bolz, Waltraud

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Viele Schulen haben keine Dächer mehr. Die Kinder sitzen auf Matten auf dem Boden und sind froh, wenn ein Baum in der sengenden Sonne etwas Schatten spendet. Fotos:Waltraud Bolz
Viele Schulen haben keine Dächer mehr. Die Kinder sitzen auf Matten auf dem Boden und sind froh, wenn ein Baum in der sengenden Sonne etwas Schatten spendet. Fotos:Waltraud Bolz
Ein Hilfsprojekt der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit sichert die psychologische Versorgung in Flüchtlingslagern.

Einst als „Perle im Indischen Ozean“ bezeichnet, ist aus Sri Lanka nach 20 Jahren Bürgerkrieg ein politisch gespaltenes und zerstörtes Land geworden. Nach Angaben des Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen hat der Krieg etwa 70 000 Menschen das Leben gekostet,
600 000 Menschen zu Binnenflüchtlingen gemacht und nahezu eine Million Menschen aus ihrer Heimat vertrieben. Nach Schätzungen des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen sind bei einer Bevölkerung von 18 Millionen circa 900 000 Kinder vom Krieg betroffen und durch mehrfache Vertreibungen, Bombenangriffe und den Verlust von Familienangehörigen zum Teil schwer traumatisiert.
Dem großen Ausmaß an Elend stehen nur wenige professionelle Helfer gegenüber. Es gibt in Sri Lanka gegenwärtig nur 32 Psychiater und lediglich zwölf im Ausland ausgebildete Psychologen, da es an den Universitäten keinen Lehrstuhl für Psychologie gibt. Am shlimmsten ist die Situation im Norden des Landes, wo in 16 Flüchtlingslagern circa
15 000 vertriebene Kinder – häufig ohne Familie – unter erbärmlichen Bedingungen leben.
Ein weiteres großes Problem ist die Mangelernährung der Kinder. Nach Informationen lokaler Autoritäten kommen viele Kinder ohne Frühstück zur Schule, viele haben nur eine Mahlzeit am Abend. Es kommt häufig vor, dass Kinder in der Schule vor Hunger ohnmächtig zusammenbrechen. Aufgrund der Mangelernährung sehen zwölfjährige Kinder aus wie Sechsjährige und sind teilweise nur 115 Zentimeter groß. Viele Schulen haben keine Dächer mehr, die Kinder sitzen auf Matten auf dem Boden und sind froh, wenn ein Baum in der sengenden Sonne etwas Schatten spendet.
In den trostlosen Flüchtlingslagern erleiden die Kinder ständige Retraumatisierungen. Zusammen mit ihren Bezugspersonen bewohnen sie einen etwa acht Quadratmeter großen rauchgeschwärzten Raum, der nur durch Folien von den Nachbarfamilien abgetrennt ist – jahrelang ohne jede Aussicht auf Besserung. Das Leben im Camp ist geprägt durch ständige Konflikte, Streit und Schlägereien. Viele Väter sind zu Alkoholikern geworden, sexuelle Übergriffe sind an der Tagesordnung. Will man den Kindern nachhaltig helfen, müssten sie und ihre Familien außerhalb des Lagers in eigene Häuser umgesiedelt werden.
In dieser Situation entschloss sich die deutsche Bundesregierung mithilfe der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, Eschborn, zusammen mit dem Nationalen Bildungsministerium Sri Lankas, ein Projekt zur Unterstützung dieser traumatisierten und unterversorgten Kinder zu entwickeln. Ziel ist es, in einem Bezirk schulpsychologische Beratungszentren aufzubauen und diese nach erfolgreicher Einführung auf andere unterprivilegierte Regionen des Landes zu übertragen.
Zunächst galt es, Therapeuten auszubilden
Zu Beginn des Projekts im Frühjahr 2001 bereitete der stets gegenwärtige Krieg die größten Schwierigkeiten. Granateinschläge waren vom Therapiezentrum oft nicht weiter entfernt als zwei Kilometer, und Schüsse fielen häufig so dicht am Gebäude, dass sich Mitarbeiter und Kinder auf den Boden legen mussten oder versuchten, unter Tischen in Deckung zu gehen.
Für die tamilische Bevölkerung waren das gewohnte Ereignisse, auf die sie weitgehend gelassen reagierten. Da nach Granaten- und Gewehranschlägen ganze Stadtviertel abgeriegelt wurden, bestand ihre größte Sorge häufig darin, noch vor den endgültigen Absperrungen nach Hause zu kommen.
Um in das Projektgebiet oder andere umkämpfte Landesteile zu fahren, benötigte man eine spezielle Erlaubnis vom Verteidigungsministerium. Außerdem hatten die Fahrzeuge mit Fahnen, Funk und gelben Signallichtern auf dem Dach ausgestattet zu sein.
Die Kinder bilden auf ihren Zeichnungen alle Grausamkeiten des Krieges ab, wie hier Soldaten, die einen Menschen erschießen.
Die Kinder bilden auf ihren Zeichnungen alle Grausamkeiten des Krieges ab, wie hier Soldaten, die einen Menschen erschießen.
Im Projekt ging es zunächst darum, geeignete Therapeuten für die Behandlung der traumatisierten Kinder auszubilden. Vier Psychologen und Psychologinnen trainierten Hochschulabsolventen in der Behandlung von Traumastörungen. Um traumatisierte Kinder für das Projekt auszuwählen, wurden in einer repräsentativen Lagerschule alle 182 Kinder der Klassen vier und fünf anhand von zwei Trauma-Fragebögen untersucht. Ergebnis: Rund ein Viertel der Kinder litt unter besonders schweren posttraumatischen Belastungsstörungen. Diese Kinder wurden acht Monate lang psychotherapeutisch behandelt.
Das speziell auf die srilankanische Kultur abgestimmte Behandlungskonzept wurde gemeinsam mit einheimischen Kollegen entwickelt. Die Kinder wurden nach der Schule in das Schulpsychologische Zentrum gefahren, erhielten dort zunächst ein warmes Essen – für viele die erste Mahlzeit des Tages. Danach wurden sie angeleitet, ihre Erlebnisse und Gefühle beispielsweise durch Malen, Theaterspielen, Singen oder Tanzen auszudrücken. Die Zeichnungen der Kinder bildeten alle Grausamkeiten des Krieges ab: brennende Dörfer, Tote, abgerissene Köpfe, Gewehre, Hubschrauber.
Die Therapeuten arbeiteten mit den Kindern auch in Einzelgesprächen. Durch aktives Zuhören, Empathie und Wertschätzung gelang es zunehmend, ein Klima zu schaffen, in dem die Kinder über ihre inneren Nöte und traumatischen Ereignisse sprechen konnten. Während der letzten zwei Monate der Behandlungsphase wurden die Aktivitäten im Sinne eines gruppenorientierten Ansatzes verstärkt in die Flüchtlingslager verlagert. Die Familie und Freunde wurden einbezogen, um die therapeutischen Aktivitäten über die Behandlungsphase hinaus fortzusetzen und um den Kindern zu helfen, sich allmählich von ihren Therapeuten zu lösen. Statistische Untersuchungen ergaben, dass nach der achtmonatigen Behandlungsphase nur noch sechs Kinder – von ursprünglich 36 – schwer beziehungsweise mittelschwer traumatisiert waren.
Außer der Diagnostik und Behandlung traumatisierter Kinder beinhaltet das Projekt eine Fortbildung für Lehrer. Diese sollen für die Probleme traumatisierter Kinder sensibilisiert werden, die sie häufig lediglich als verhaltensgestört einstufen und durch besonders harte Strafen zu disziplinieren versuchen.
Das Projekt soll wie ein Schneeballsystem wirken. Ziel ist es, in sechs bis acht Jahren in allen Schulbezirken des Landes arbeitsfähige „schulpsychologische Zentren“ zu schaffen. Im Sinne der nachhaltigen Entwicklung wurde die Leitung des Projekts an einen einheimischen Psychotherapeuten übergeben. Lokale und internationale Fachleute werden es weiterhin betreuen.

Dipl.-Psych. Dr. phil. Waltraud Bolz
Stiftstraße 12, 61476 Kronberg/Ts.
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