ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2003Fallpauschalen: Verarmung der Medizin
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LNSLNS . . . In Australien wurden in weiser Voraussicht nur die Krankheiten einbezogen, die sich standardisieren lassen. In Deutschland hängt man krampfhaft dem Irrglauben an, es lasse sich alles standardisieren. Leider sind viele Krankheiten und die Menschen, die von ihnen betroffen sind, komplexer Natur, sodass trotz aller Klimmzüge viele Krankheitskomplexe nicht angemessen sachgerecht bewertet werden können. In Amerika ist man z. T. über diese Abrechnungsversuche vielfach schon hinaus. Sie wurden und werden dort als „bloody hell“ bezeichnet.
Das geplante und zurzeit einzuübende System mit „Controlling“ und Qualitätssicherung wird nach Meinung namhafter Experten weder zur Verbesserung der Behandlung der Kranken noch zu wesentlichen Kostenreduktionen führen, aber zu einem riesigen Bürokratieaufwand, der nur mit umfangreichsten EDV-Einrichtungen und -Anwendungen, wenn überhaupt, zu bewältigen sein wird, aber es ist wie ein Lemminge-Syndrom: Einsichten, kritische Anmerkungen und Ratschläge sind nutzlos. Es wird somit zu einer Umverteilung eines Großteils der Kosten, weg von der unmittelbaren Behandlung des Patienten, hin zur Verwaltung, z. T. im Krankenhaus, im Wesentlichen zum Kostenträger mit den angeschlossenen Medizinischen Diensten, kommen.
Dabei wird ein aus ärztlicher Sicht wesentlicher Gesichtspunkt nicht berücksichtigt: Bisher hatte die Ausbildung der Medizinstudenten und die Weiterbildung der jungen Ärzte die rationelle Stellung der richtigen Diagnose und die daraus abzuleitende Behandlungsstrategie zum Ziel. Künftig wird der Arzt sich umstellen müssen: Nicht die richtige Diagnose ist entscheidend, sondern die Formulierung und Codierung der Krankheitsbilder mit Begleitumständen, die am meisten Geld bringen, eine Verarmung der Medizin in Deutschland.
Prof. Dr. med. Gerhard Siemon, Prüllstraße 80, 93093 Donaustauf
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