ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2003Sektionen: Endgültig ins ethische Abseits

BRIEFE

Sektionen: Endgültig ins ethische Abseits

Dtsch Arztebl 2003; 100(4): A-180 / B-165 / C-161

Moog, Thomas

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LNSLNS Als ehemaliger Student der Universität Heidelberg konnte ich während des Anatomie-Unterrichts anhand der von Prof. Gunther von Hagens hergestellten Plastinate manche tiefer gehende Erkenntnis im Hinblick auf den Aufbau des menschlichen Körpers gewinnen, und ich bin sicher, diese Aussage trifft für die meisten meiner Kommilitonen zu. Ohne Zweifel hat er mit seiner Methode den Anatomie-Unterricht bereichert und lebendiger gemacht. Auch den Gedanken, mithilfe von Plastinaten eine breite Öffentlichkeit an modernen medizinischen Erkenntnissen teilhaben zu lassen, halte ich grundsätzlich für einen interessanten Ansatz und nicht für verwerflich.
Erste Zweifel, ob es ihm allein um wissenschaftliche Aufklärung geht, kamen mir allerdings bereits bei seiner Ausstellung „Körperwelten“ in Mannheim. Die Art der Darstellung verschiedener Plastinate ließen in mir Zweifel keimen, ob er sich noch ausreichend diesem Gedanken verpflichtet fühlt. Plastinate erkrankter Organe oder des Blutkreislaufs können auch einem Laien Erkenntnisse vermitteln. Eine Schach spielende Leiche hat allerdings mit wissenschaftlicher Aufklärung nichts mehr zu tun und dient allein der Effekthascherei und der Befriedigung von Sensationsgier. Von Hagens bezeichnet sich selbst als „Event-Anatomisten“, tritt als Beuys-Verschnitt auf und spricht von Kunst und künstlerischer Freiheit in Bezug auf die öffentliche Sektion eines Menschen. Dies ist Beweis genug, dass er den Gedanken der seriösen Wissensvermittlung längst verlassen hat und es ihm nur noch darum geht, seine Provokationslust und seine Eitelkeit zu befriedigen. Durch eine Art Jahrmarktsereignis degradiert er die Würde des Menschen auf die eines Ausstellungsstücks herab. Mit einer Vielzahl von Kollegen – einige davon ebenfalls ehemalige Heidelberger Studenten – bin ich der Auffassung: Durch die öffentliche Autopsie vor zahlendem Publikum hat er sich nun endgültig ins ethische Abseits gestellt.
Dr. med. Thomas Moog,
Dünenweg 1, 68129 Mannheim
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