ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2003Der verdächtige Abstrich in der Schwangerschaft: Schlusswort
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die Resonanz auf unseren Artikel und vor allem die damit ausgelöste Diskussion ist ausgesprochen erfreulich. Hierbei ist hervorzuheben, dass sämtliche Autoren der Leserbriefe bekannte Fachleute sind. Stellungnahmen von Kolleginnen oder Kollegen aus einer frauenärztlichen Praxis liegen dagegen nicht vor. Davon sind auch die Diskussionsbeiträge deutlich geprägt. Es sei daran erinnert, dass in unserem Artikel am Beispiel zweier großer Einsendelabors zunächst eine ernüchternde Bestandsaufnahme gemacht wurde. Der Großteil der Pap-III-D- und Pap-IV-a-Befunde wurde nicht einmal nach der Schwangerschaft histologisch abgeklärt. Die vorgeschlagenen Algorithmen sollen deshalb einen Kompromiss zwischen dem in Deutschland Machbaren und einer wünschenswerten Idealsituation darstellen.
Schneider et al. sowie Hillemanns et al. schlagen vor, dass bei jedem verdächtigen Abstrich in der Schwangerschaft kolposkopiert und gegebenenfalls biopsiert wird. Diese Vorgehensweise entspräche übrigens den amerikanischen Konsensusrichtlinien aus dem Jahre 2001 (JAMA 2002; 287: 2120–2129). Damit wird aber die spezielle Situation in Deutschland verkannt. Denn über Jahrzehnte hinweg wurde insbesondere in den alten Bundesländern die Ausbildung und die Ausübung der Kolposkopie vernachlässigt. Dies ist um so kurioser als die Kolposkopie in Deutschland entwickelt wurde (Hinselmann 1925). Zurzeit stehen in Deutschland nicht genügend Dysplasiesprechstunden zur Verfügung, um alle Patientinnen mit verdächtigem Abstrich in der Schwangerschaft kolposkopisch zu untersuchen.
Die Appelle der Arbeitsgemeinschaft Zervixpathologie und Kolposkopie (www.ag-cpc.de) nach einer Integration der Kolposkopie in die Vorsorgekonzepte wurden bisher in der Berufspolitik nicht berücksichtigt. Das daraus resultierende Dilemma wird bei der Diskussion um die Abstrichbefunde in der Schwangerschaft besonders deutlich. Denn hierzulande fehlt schlicht die Infrastruktur für eine „state of the art“-Betreuung, wie sie völlig zu Recht von Schneider et al. sowie Hillemanns et al. gefordert wird.
Unser zur Diskussion stehender Artikel sucht auf der Basis des derzeitigen erschütternd schlechten Niveaus nach in Deutschland machbaren und realistischen Möglichkeiten, um eine erste Verbesserung zu erreichen.
Würden die Forderungen der AGCPC erfüllt, so sollten in einem zweiten Schritt zusätzliche oder alternative Methoden wissenschaftlich evaluiert werden. In der Tat ist die von Herrn Kollegen Böcking mitentwickelte DNS-Zytometrie bei schwangeren Patientinnen besonders interessant, und auch die von Herrn Kollegen Egger angesprochene noch aus den siebziger Jahren stammende Methode der Portioabschabung verdient es, neu evaluiert zuwerden.
In diesem Sinne sollten die in unserem Artikel vorgestellten Entscheidungsalgorithmen als Kompromiss und als Zwischenschritt zu einem Konzept verstanden werden, welches bei dem zytologischen Verdacht auf einen pathologischen Zervixbefund immer zunächst eine Koloskopie mit gezielter Probenblutentnahme vorsieht.

Prof. Dr. med. Christian Witting
Institut für Pathologie am Clemenshospital
Düesbergweg 124, 48153 Münster
E-Mail: wittingch@uni-muenster.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige