ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2003Kunst und Psyche: Die Herren des Rings

VARIA: Kunst & Antiquitäten

Kunst und Psyche: Die Herren des Rings

Dtsch Arztebl 2003; 100(4): A-205 / B-187 / C-183

Kraft, Hartmut

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Foto: Eberhard Hahne Muschelring, maximale Breite 29 cm,Tiefe 6 cm, Gewicht 6,5 kg
Foto: Eberhard Hahne Muschelring, maximale Breite 29 cm,Tiefe 6 cm, Gewicht 6,5 kg
Stämme wie die Abelam, die Boiken oder Yangoru im Nordosten von Papua-Neuguinea verwenden Muschelringe als Zahlungsmittel. Werkzeuge und Waren wie Hunde und Schweine werden damit bezahlt. Auch werden Sühnezahlungen damit geleistet und Hilfsdienste belohnt. Nicht zuletzt dienen diese Ringe als Brautgeld.
Gefertigt wurden die bei den Yangoru so genannten Wenga-Ringe aus dem weißen Inneren der Riesenmuschel Tridacna gigas. Deren Schalen können eine Ausdehnung von bis zu 135 cm erreichen und ein Gewicht von bis zu 200 kg aufweisen. Ringe mit einem Durchmesser von 20 cm und mehr werden allerdings nicht als Zahlungsmittel verwendet. Solche Ringe tragen einen eigenen Namen und werden mit großer Ehrfurcht behandelt. Im Pidgin-Englisch werden sie als „Storirings“, als Ringe mit einer überlieferten Geschichte, bezeichnet. Der Besitzer, stets einer der mächtigen Männer des Clans, kann die ganze Ahnenreihe der Vorbesitzer namentlich aufzählen. Nur der Hersteller des Rings gilt als unbekannt, da man davon ausgeht, dass diese großen Ringe nicht von Menschen, sondern von Geistern hergestellt worden sind. Bei dem hier vorgestellten Exemplar scheint es sich um den schwersten und bedeutendsten der bislang bekannt gewordenen Ringe zu handeln. Da die Muschelgröße die maximal mögliche Ringgröße bestimmt, stehen diese Ringe an der Schnittstelle von Natur und Kultur. Anders als Werke aus Holz oder Metall können sie nicht aus mehreren Stücken zusammengesetzt werden – darin liegt ein Teil ihrer Faszination be-gründet.
Die hell- bis mittelbraune Patina des ursprünglich strahlend weißen Rings lässt auf einen sehr langen Gebrauch über Generationen schließen. Der Ring erzählt auch ohne Nennung der Ahnenreihe eine Geschichte von großer Seltenheit, vom langen Gebrauch und von der Repräsentation und Macht der Männer im Clan.
Jenseits seiner ursprünglichen Verwendung ist die Wirkung des Rings geradezu magisch. Wie ein Auge steht er im Raum, sieht den Betrachter an und zieht sogleich dessen Blick auf sich. Es ist nachzuvollziehen, dass ein mächtiger Mann ein „Herr der Ringe“ war – und umgekehrt ein Ring wie dieser viele Herren gehabt hat. Hartmut Kraft
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