ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2003Interview: Waldorfschulen – Selbstbewusst ins Leben

VARIA: Bildung und Erziehung

Interview: Waldorfschulen – Selbstbewusst ins Leben

Dtsch Arztebl 2003; 100(4): A-209 / B-191

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Susanne Pühler vom Bund der Freien Waldorfschulen e. V. in Stuttgart gibt einen Überblick über die Besonderheiten. Foto: privat
Susanne Pühler vom Bund der Freien Waldorfschulen e. V. in Stuttgart gibt einen Überblick über die Besonderheiten. Foto: privat
DÄ: Was ist der Hauptunterschied zwischen einer Waldorfschule und einer Regelschule?
Pühler: Rechtlich sind Waldorfschulen in Deutschland staatlich anerkannte Ersatzschulen, an denen die Schüler zwar nicht nach einem staatlichen Lehrplan unterrichtet werden, aber doch staatlich anerkannte Abschlüsse machen. Doch weil der Staat diese Schulen in freier Trägerschaft nur unzureichend finanziell unterstützt, müssen Eltern – neben ihrem sozialen Engagement in der Schule – sich auch finanziell an den Kosten beteiligen. Der Betrag hierfür wird im Einzelfall abgesprochen,
sodass es nicht dazu kommen muss, dass ein Kind aus finanziellen Gründen abgelehnt wird. Jede Waldorfschule ist eigenständig und auch wirtschaftlich für sich selbst verantwortlich. Sie entscheidet über Personal- und Gehaltsfragen und in gewissem Rahmen auch über das Schulprofil, zum Beispiel welche Fremdsprachen unterrichtet und welche Abschlüsse angeboten werden.
Als Schule „besonderer pädagogischer Prägung“ bleiben die Schüler einer Waldorfschule von der ersten bis zur 12. Klasse in ihrem Klassenverband zusammen, Sitzenbleiben gibt es nicht, Zensuren erst im Vorfeld der Abschlüsse. Der Lehrplan ist viel breiter als an einer staatlichen Schule, viele Projekte und Praktika gehören dazu, ebenso wie künstlerisch-handwerkliche Fächer. Die Waldorfpädagogik sieht ihr Ziel nicht darin, so früh wie möglich so viel Wissen wie möglich zu vermitteln. Vielmehr versteht sie ihren Auftrag ganzheitlich: Die körperliche, emotionale, soziale und kognitive Entwicklung eines Menschen braucht Zeit und verläuft individuell unterschiedlich. Die Schule als Ganzes, die Lehrer und insbesondere die Klassenlehrer, die ihre Schüler über viele Jahre intensiv begleiten, sollen diesen Prozess der
Entfaltung der Fähigkeiten und Fertigkeiten unterstützen, indem sie darauf achten, welche Inhalte die jungen Menschen in welcher Phase ihrer Entwicklung brauchen.

DÄ: Waldorfschulen sind bekannt für ihre Theater- und Musik-
aufführungen und die Basare, bei denen die Kunstwerke der Schüler ausgestellt werden. Warum wird so viel Wert auf künstlerische Betätigung gelegt?
Pühler: Weil die Waldorfpädagogik davon ausgeht, dass der Mensch, um in der Welt verantwortungsvoll bestehen zu können, nicht nur den Verstand, sondern auch seine sozialen und kreativen Fähigkeiten entwickeln muss. Im künstlerischen Prozess lernen die Kinder, sich mit einer Sache und einem Inhalt zu verbinden. Sie müssen etwas tun, wenn sie etwas gestalten oder verändern wollen. So wie sie den Lehm in die Hand nehmen und formen können. Dass das Künstlerische oder Handwerkliche in der Schule nicht nur überflüssiger Luxus ist, hat auch die Wirtschaft erkannt: Die kreative Kompetenz wird bei der Personalauswahl immer wichtiger.
Aber es gibt auch noch eine andere Argumentation: Immer mehr Untersuchungen belegen, dass die Entwicklung der körperlichen, sozialen und kreativen Fähigkeiten auch etwas mit der geistigen Beweglichkeit zu tun hat.

DÄ: Eurythmie ist ein Waldorf-spezifisches Fach. Worum geht es dabei?
Pühler: Eurythmie ist eine Bewegungskunst, bei der Laute oder Musik in Bewegung umgesetzt werden. Man hört also nicht nur akustisch ein Gedicht oder eine Musik, sondern versucht, die Empfindungen, die damit verbunden sind, in sichtbare Bewegung umzusetzen. Das innere Erleben wird aktiv und künstlerisch nach außen gestellt. Das ist ein moderner sozialpädagogischer Ansatz.
Die Eurythmie im Schulunterricht leistet aber noch etwas anderes: Das Kind erfährt sich in seinem Umkreis, es nimmt seinen Körper im Raum wahr. Wenn Sie wissen, dass Kinder, die normalerweise einen Rund-
umblick von etwa 200 Grad hatten, heute oft nur noch ein Blickfeld von 100 Grad haben, dann sehen Sie, dass diese Raumeswahrnehmung stark beeinträchtigt ist. Das liegt an zu hohem Fernsehkonsum im frühen Kindesalter, aber auch daran, dass Kinder zu wenige sinnliche Erfahrungen machen. Dann wundern wir uns, dass sie nicht mehr balancieren, seilhüpfen oder rückwärts gehen können. Wer sein äußeres Gleichgewicht nicht halten kann, hat auch Probleme mit der seelischen Balance.

DÄ: Charakteristisch für die Waldorfschulen ist, dass es keine Zensuren gibt. Ist das nicht für die Schüler ein wichtiger Maßstab, damit sie wissen, wo sie stehen?
Pühler: Stimmt, Schüler müssen wissen, wo sie stehen und was sie geleistet haben. Aber die Waldorfpädagogik hält Zensuren für ungeeignet. Zahlen zwischen 1 und 5 können kein differenziertes Bild über die Leistung eines Schülers in einem Fach geben. Denn die besteht nicht nur darin, wie viel er gewusst hat. Dazu gehört auch, wie viel Einsatz er gebracht hat, wie viel er hätte geben können, wie sehr er sich angestrengt und beteiligt hat, ob er andere Schüler dabei in die Ecke gedrückt oder mitgenommen hat. In der Waldorfschule haben deshalb Lehrer die Aufgabe, eine ausführliche schriftliche Beurteilung ihrer Schü-
ler abzugeben, in der all das berücksichtigt ist, einschließlich der bestehenden Defizite oder Aufgabenstellungen für die nächste Zeit. So kann eine wirkliche Würdigung der Schülerleistung stattfinden.

DÄ: Was bedeuten die Zeugnissprüche, die die Schüler erhalten?
Pühler: In den unteren Klassen fasst der Klassenlehrer seine Beobachtungen in einem kleinen Gedicht, einem Zeugnisspruch, zusammen. Diesen lernt das Kind auswendig. Er begleitet es durch das ganze Schuljahr; im nächsten Jahr erhält es einen neuen. Sie können sich das wie einen Knoten im Taschentuch vorstellen: Damit wird das Kind regelmäßig an die erreichten Leistungen, aber auch an die noch offenen Aufgaben erinnert.
DÄ: Im Rahmen der PISA-Diskussion haben sich viele gegen das Sitzenbleiben ausgesprochen. Welche Auffassung vertreten die Waldorfpädagogen?
Pühler: Sitzenbleiben gibt es in Waldorfschulen nicht. Denn ein ganzes Jahr zu wiederholen ist meistens nutzlos. Der Schüler empfindet es als Strafe und Diskriminierung: Er wird aus dem alten Klassenverband herausgeworfen und ist im neuen ein Fremdkörper. Die Alternative ist, dass der Lehrer ein Kind, das vorübergehend eine Schwäche hat,
besonders fördert. Er muss pädagogisch fähig sein, dem Kind so zu helfen, dass es nicht außerhalb des Klassenverbandes gestellt wird. Dazu gehört auch, es in seinen Stärken zu würdigen. Die Mitschüler erleben so, dass niemand nur Schwächen, sondern jeder Mensch irgendwo Stärken und woanders Defizite hat.
DÄ: Der Waldorflehrplan endet mit dem 12. Schuljahr und dem Waldorf-Abschluss. Welche Möglichkeiten hat ein Schüler, der Abitur machen will?
Pühler: Je nach Schulprofil ist mit dem Abschluss nach zwölf Jahren Waldorfschule auch der Realschul- oder sogar der Fachhochschulabschluss verbunden. Danach findet in der Waldorfschule ein zusätzliches Jahr statt, in dem sich die Schüler auf die Anforderungen an das staatliche Abitur vorbereiten. Das heißt, sie müssen teilweise richtig büffeln, weil die Lehrpläne doch sehr unterschiedlich sind. Dennoch ist die Abiturientenquote an den Waldorfschulen höher als an staatlichen Schulen. (Anmerkung der Redaktion: Im Jahr 2000 wurden 47 Prozent der Waldorfschüler mit Abitur entlassen, im Vergleich zu 24,5 Prozent von staatlichen allgemein bildenden Schulen. Quelle: Statistisches Bundesamt.)

DÄ: Wie ist das zu erklären?
Pühler: Die Waldorfschüler haben ein solides Fundament bekommen. Sie haben gelernt, in Zusammenhängen zu denken und zu handeln und sich intellektuell, sozial und kreativ entwickeln zu können – warum sollen sie nicht am Ende der Schulzeit ein wenig Stress überstehen können? Immer noch besser, ein Jahr lang Prüfungsdruck zu haben als über die gesamte Schulzeit.

DÄ-Fragen: Petra Bühring

Der Anthroposoph Rudolf Steiner gründete 1919 die erste Waldorfschule in Stuttgart. Die Idee dazu hatte Emil Molt, der fortschrittliche und sozial engagierte Besitzer der Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik, der eine Schule für die Kinder seiner Arbeiter einrichten wollte. Waldorfschulen sind inzwischen die größte von Staat und Kirche unabhängige Schulbewegung. Weltweit gibt es 845 Waldorfschulen, in Deutschland sind es derzeit 185 mit über 72 000 Schülern. Jährlich kommen weitere hinzu.

„Waldorfschüler haben ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, gepaart mit Sozialkompetenz.“
Susanne Pühler, Bund der Freien Waldorfschulen e.V.


Informationen:
Bund der Freien Waldorfschulen Heidehofstraße 32, 70184 Stuttgart Telefon: 07 11/2 10 42 0
Fax: 07 11/2 10 42 19
E-Mail: info@waldorfschule.de
Internet: www.waldorfschule.de www.waldorf.net
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