ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2003Labordiagnostik: Neue Bluttests steigern die Zuverlässigkeit

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Labordiagnostik: Neue Bluttests steigern die Zuverlässigkeit

Dtsch Arztebl 2003; 100(4): A-212

Böhm, Sonja

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LNSLNS Die Labordiagnostik entwickelt sich mit Riesenschritten. Dadurch verändert sich auch viel im niedergelassenen Bereich. So machen neue Bluttests die Herzinsuffizienz-Diagnostik sicherer, sie erleichtern den Nachweis von Allergien oder verbessern die Diagnose des Prostatakarzinoms.
Für die Praxis vielversprechend ist ein Bluttest auf BNP (Brain derived natriuretic peptide), bei dem es sich – trotz des Namens – um ein vom Herzen sezerniertes Hormon handelt. Ein Bluttest
auf BNP könnte die Diagnostik der Herzinsuffizienz erheblich vereinfachen, sagte Prof. Johannes Mair (Innsbruck). BNP wird bei Herzinsuffizienz aufgrund der ventrikulären Volumenüberladung, erhöhtem Druck und gesteigerter Wandspannung vermehrt freigesetzt. 30 bis 50 pg/ml BNP gelten als normal, ab 100 pg/ml ist wahrscheinlich die linksventrikuläre Funktion eingeschränkt, bei manifester Herzinsuffizienz werden Werte über 1 000 pg/ml erreicht.
In einer US-Studie wurde der BNP-Test bei 1 600 Patienten eingesetzt, die wegen Dyspnoe in die Notaufnahme kamen. Bei einem Grenzwert von 100 pg/ml habe man mit dem Test eine Herzinsuffizienz bei 83 Prozent der Patienten genau und rasch diagnostizieren können, berichtete Mair. Selbst erfahrene Untersucher erreichen aufgrund klinischer Befunde nur Trefferquoten von 70 bis 80 Prozent.
Der Test auf BNP wird bereits seit 2001 in den Europäischen Guidelines für die Herzinsuffizienzdiagnose, noch vor der Echokardiographie, empfohlen. In Deutschland ist kommerziell ein Labortest der Firma Bayer auf BNP verfügbar und einer der Firma Hoffmann-La Roche, der das bei der BNP-Freisetzung anfallende NT-proBNP nachweist. Nach Angaben von Mair sind beide Testverfahren gleich zuverlässig.
Auch in der Allergiediagnostik sind Bluttests immer häufiger üblich. In-vitro-Testungen sind nach Ansicht von Prof. Harald Renz (Marburg) bereits heute den Hauttests oft überlegen. Vorteil der In-vitro-Diagnostik: Sie ist schonend, aus einer Blutprobe sind viele Bestimmungen möglich; sie liefert ein zumindest (semi)quantitatives Ergebnis. So kann zum Beispiel Kindern der belastende Pricktest erspart werden. Auch bei Nahrungsmittel- und Latexallergien sowie zur Bestimmung von Kreuzreaktionen ist der Bluttest oft sehr hilfreich.
Der Nachweis von IgG, der immer noch bevorzugt angefordert werde, habe allerdings „bei der klassischen Allergiediagnostik nichts zu suchen“, sagte Renz. Einzige Ausnahme sei die allergische Alveolitis. Auch der Nachweis des Gesamt-IgE sei zu vernachlässigen, da es zu unspezifisch und bei vielen Erkrankungen erhöht ist. Empfehlenswert ist der spezifische IgE-Nachweis. Allerdings ist zu beachten: Der „cut-off-point“ ist von Testsystem zu Testsystem unterschiedlich, Werte aus verschiedenen Labors sind daher kaum zu vergleichen. Außerdem sei es wichtig zu differenzieren, so Renz. Im Labor sei nur der Nachweis der Sensibilisierung möglich. „Erst die klinische Relevanz macht aus der Sensibilisierung auch eine Allergie.“ Der Allergie-Experte warnte daher vor voreiligen Schlüssen, etwa nur aufgrund der In-vitro-Testung bestimmte Nahrungsmittel zu verbieten.
cPSA hat im „Graubereich“ höhere Spezifität
Neues gibt es auch bei der PSA-Diagnostik (Prostata-spezifisches Antigen). Der Nachweis des PSA-Blut-Spiegels ermöglicht es, Prostatakarzinome früher und damit noch in einem potenziell kurablen Stadium zu entdecken, als dies mit der rektalen Palpation gelingt. Der positive Vorhersagewert erhöhter PSA-Spiegel liegt dabei bei 26 bis 65 Prozent.
Die Spezifität lässt sich unter anderem dadurch erhöhen, dass anstelle des Ge-samt-PSA das „komplexierte“ PSA (cPSA) gemessen wird, das an andere Moleküle gebunden ist. „Der Tumor bildet überwiegend aktives PSA, das dann komplexiert vorliegt“, erläuterte Prof. Peter Hammerer (Hamburg). Die Firma Bayer bietet seit kurzem einen Test auf
cPSA an.
Alle Vergleichsstudien zeigen, dass die cPSA-Testung
eine bessere Genauigkeit als der Nachweis von Gesamt-PSA hat; vor allem im „Graubereich“ zwischen 4 und 10 ng/ml ist die Spezifität besser. Es kommt zu weniger falschpositiven Resultaten. Dies kann dazu beitragen, die Zahl der Biopsien zu verringern. Weitere Vorteile: cPSA ist stabiler, falls die Probe vor der Aufarbeitung länger stehen bleibt, der cPSA-Wert verändert sich – auch nicht wie das Gesamt-PSA – durch Druck auf die Prostata (etwa beim Abtasten). Nach Ansicht von Hammerer ist die cPSA-Analyse für die Früherkennung des Prostatakarzinoms daher eine viel versprechende Alternative zur bisherigen Diagnostik. Sonja Böhm

Forum Diagnostik der Bayer AG im November 2002 in Stromberg
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