ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2003Mitteilungen: „UAW-News“-International

BEKANNTGABEN DER HERAUSGEBER: Bundes­ärzte­kammer

Mitteilungen: „UAW-News“-International

Dtsch Arztebl 2003; 100(4): A-217 / B-197 / C-189

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft
„UAW-News“-International
Akute interstitielle Nephritis durch Celecoxib (in Deutschland: Celebrex®)

Die AkdÄ möchte Sie im Folgenden über Publikationen und Meldungen aus dem internationalen Raum informieren und hofft, Ihnen damit nützliche Hinweise für den Praxisalltag geben zu können.
Gastrointestinale und renale unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) von nichsteroidalen Antirheumatika (NSAR) sind wohl bekannt. Die Wirkung auf Schmerz und Entzündung führt man auf die Hemmung von Cyclooxygenase-2-(COX-2-)Rezeptoren zurück, die renalen hämodynamischen und die gastrointestinalen Effekte auf die Hemmung von COX-1-Rezeptoren. Was lag daher näher, als durch selektive Blockierung von COX-2-Rezeptoren erwünschte von unerwünschten Wirkungen zu trennen?
Schon bald nach der Neueinführung der selektiven COX-2-Antagonisten musste man jedoch erkennen, dass sich diese Hoffnung nur zum Teil erfüllt hat: Bei den COX-2-Hemmern treten zwar weniger Magen-Darm-Ulcera auf als bei den weniger selektiven NSAR, aber ausgelöst wurde diese UAW auch durch diese Substanzgruppe. Durch begleitende niedrig dosierte ASS-Therapie wird dieser Vorteil sogar ganz aufgehoben. Darüber haben wir erst kürzlich berichtet (1). Aber auch bezüglich des erhofften Vorteils der geringeren Nephrotoxizität ist der erste Enthusiasmus verflogen: Hämodynamisches akutes Nierenversagen (ANV) kann auch durch COX-2-Inhibitoren ausgelöst werden. Ob dies wirklich seltener geschieht als durch die altbewährten NSAR, ist noch offen. Ein besonderes Risiko besteht bei Patienten mit Exsikkose oder potenziell nephrotoxischer Begleitmedikation (zum Beispiel Aminoglykoside, Kontrastmittel, ACE-Hemmer).
Henao et al. (2) berichten nun über einen Fall von akuter interstitieller Nephritis bei einer 73-jährigen Frau mit Diabetes mellitus. Diese Patientin nahm Celecoxib 200 mg/d über ein Jahr in unregelmäßigen Abständen ein, die letzten vier Wochen vor stationärer Aufnahme regelmäßig neben einigen anderen Arzneimitteln (Metformin, Valsartan, Glipizide). Bei stationärer Aufnahme klagte die Patientin über allgemeine Schwäche, Gelenk- und Beinschmerzen. Das Serumkreatinin betrug 4,3 mg/dl, vier Wochen zuvor noch 0,7 mg/dl. Im Urinsediment fielen eosinophile Leukozyten auf, es bestand jedoch keine Eosinophilie im Differenzialblutbild, kein Fieber und kein Exanthem. Letztere für eine medikamentös ausgelöste interstitielle Nephritis typischen Symptome treten auch bei einer durch NSAR verursachten Nephritis nur in ca. 30 Prozent der Fälle auf! (3). Die Nierenbiopsie zeigte eine diffuse interstitielle Infiltration mit Lymphozyten und Eosinophilen. Alle Arzneimittel wurden abgesetzt, die Patientin musste dialysiert werden. Vom zehnten Tag nach stationärer Aufnahme an erholte sich die Nierenfunktion wieder, die Dialyse wurde beendet. Alle Arzneimittel außer Celecoxib wurden wieder angesetzt, ohne dass eine erneute Nierenfunktionsverschlechterung auftrat. Weshalb die akute interstitielle Nephritis erst über ein Jahr nach Beginn der Celecoxibeinnahme auftrat, bleibt unklar.
Ein Fall von akuter interstitieller Nephritis unter Behandlung mit Rofecoxib (in Deutschland: Vioxx®) ist ebenfalls beschrieben (4).
Der zunächst bestehende Ansatz, die COX-2-Hemmung für die entzündungshemmenden, die COX-1-Hemmung für gastrointestinale und renale Effekte verantwortlich zu machen, scheint in dieser einfachen Form also nicht zu stimmen. COX-2-Rezeptoren wurden auch in der Niere festgestellt. Über akutes Nierenversagen (hämodynamisch bedingt), Ödeme und Verschlechterung einer Hypertonie im Zusammenhang mit COX-2-Antagonisten wird zunehmend berichtet.
Die akute interstitielle Nephritis ist eine wichtige Ursache des ANV. Sie kann durch viele verschiedene Arzneimittel verursacht werden (Antibiotika, NSAR, Antiepileptika, Diuretika und andere) und ist auch nach Absetzen des auslösenden Agens oft irreversibel. Celecoxib muss wohl der langen Liste der Arzneimittel, die ein ANV durch eine akute interstitielle Nephritis auslösen können, hinzugefügt werden. Wie häufig diese UAW bei COX-2-Inhibitoren auftritt, ist freilich unbekannt.
Bitte teilen Sie der AkdÄ alle beobachteten Nebenwirkungen (auch Verdachtsfälle) mit. Sie können dafür den in regelmäßigen Abständen im Deutschen Ärzteblatt auf der vorletzten Umschlagseite abgedruckten Berichtsbogen verwenden oder diesen unter der AkdÄ-Internetpräsenz www.akdae.de abrufen.

Literatur
1. Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft: Zur Sicherheit von COX-2-Inhibitoren. Dtsch Arztebl 2002; 99: A 1535.
2. Henao J et al.: Celecoxib-induced acute interstitial nephritis. Am J Kid Dis 2002; 39: 1313–1317.
3. Eapen SS, Hall PM: Acute tubulointerstitial nephritis. Clin J Med 1992; 59: 27–32.
4. Rocha JL, Fernando-Alonso J: Acute tubulointerstitial nephritis associated with the selective Cox-2 enzyme inhibitor rofecoxib. Lancet 2001; 357: 1946–1947.
Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft, Aachener Straße 233–237, 50931 Köln, Telefon: 02 21/40 04-5 28, Fax: 02 21/40 04-5 39, E-Mail: akdae@t-online.de, Internet: www.akdae.de
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema