ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2003China-Exkursion: Im Mutterland der Akupunktur

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China-Exkursion: Im Mutterland der Akupunktur

Dtsch Arztebl 2003; 100(4): A-220 / B-200 / C-192

Grüner, Steffen

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Foto: Steffen Grüner
Foto: Steffen Grüner
Gebratene Heuschrecken, hundertjährige Eier oder frittierte Tausendfüßler? Um vor den Kollegen nicht als Hasenfuß dazustehen, fällt die Entscheidung für die Heuschrecken. Der Geschmack erinnert an scharf gewürzte Pommes frites. Doch dies ist keine Delikatessentour. Vielmehr sind wir zehn Ärzte aus Deutschland und der Schweiz nach Peking gekommen, um uns in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) fortzubilden. Ein gewagtes Unterfangen, wenn man bedenkt, dass chinesische Ärzte während ihrer Ausbildung erst nach einem Jahr einen Patienten per Nadel traktieren dürfen und insgesamt fünf Jahre bis zum Abschluss studieren müssen. Natürlich beinhaltet die TCM nicht nur die Akupunktur, sondern auch Gymnastik, Massagetechniken, Ordnungstherapien oder Phytotherapie. Somit stellt unser Anliegen – auch wenn alle Teilnehmer über mehrjährige Akupunkturerfahrungen verfügen – einen kleinen Affront dar: Man stelle sich vor, eine Delegation ausländischer Ärzte tauche in einem deutschen Krankenhaus auf, um sich innerhalb weniger Wochen die gesamte Schulmedizin aneignen zu wollen . . .
Die Verhältnisse in der uns zugewiesenen Ambulanz sind faszinierend: Der erste Patient ist ein freundlicher Herr aus der Nähe von Düsseldorf, der eine Bandscheibenoperation in Deutschland scheut und sich hier eine Besserung seiner Rückenbeschwerden erhofft. Der nächste Patient ist ein Belgier, der sich durch die chinesische Medizin eine Gewichtsreduktion und eine Egalisierung seiner Stimmungsschwankungen verspricht. Die Gruppe der einheimischen Patienten stellt sich vorwiegend mit ei-ner Mischung orthopädischer (Schmerzen des Bewegungs- und Stützapparates), neurologischer (Schlaganfälle, schlaffe und spastische Lähmungen, Tinnitus) und internistischer Erkrankungen (Diabetes mellitus, Rheuma, Neurasthenien) vor. Auffällig ist eine extreme Prävalenz von peripheren Fazialislähmungen, einem Krankheitsbild, auf welches man in Europa doch eher selten trifft.
Eine Akupunktur kostet den chinesischen Patienten nur wenige Cents. An den kurzen Aufnahmegesprächen zwischen Arzt und Patient nehmen auch Unbeteiligte regen Anteil. Die Hygiene in der Ambulanz ist gemessen an westlichem Standard eher niedrig, da zum Beispiel die Akupunkturnadeln zwar in Alkohol desinfiziert, jedoch regelmäßig wieder verwendet werden. Auch werden die Stofflaken der Patientenliegen nur selten gewechselt. Ausländische Patienten bringen sich deshalb eigene Einmalakupunkturnadeln und Laken mit.
In Deutschland ist man geneigt, bei chinesischer Medizin an eine „sanfte, patientenorientierte Medizin“ zu denken. Tatsächlich wenden die chinesischen Ärzte ohne Hemmungen neben den Akupunkturnadeln auch Reizstromgeräte und Injektionen an, wobei jede ärztliche Direktive oder Therapie von den chinesischen Patienten ohne Murren akzeptiert wird. So werden beispielsweise Patienten mit Lähmungen der Zungen- oder Augenmuskulatur die Nadeln ohne viel zu fragen in den Zungengrund oder rund um den Augapfel gesetzt. Bei allen Patienten, deren Therapien wir mitverfolgen, kommt es zu subjektiven, aber auch objektivierbaren Verbesserungen des Gesundheitszustandes. Allerdings werden die Therapieverläufe von unseren chinesischen Kollegen weder evaluiert noch eingehend dokumentiert.
Sobald die chinesischen Patienten von uns deutschen Ärzten erfahren, verlieren sie schnell ihre Zurückhaltung vor den „Langnasen“. In Reaktion auf die Erfolge der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea werden wir von den jüngeren Chinesen oft mit „Claus, Claus – five Points“ begrüßt. Nach längerem Überlegen interpretieren wir diesen Schlachtruf als „Klose, Klose – fünf Tore“.
Dr. med. Steffen Grüner
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