ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2003Unter dem Diktat der Ökonomie: Auf gefährlichen Pfaden

POLITIK: Kommentar

Unter dem Diktat der Ökonomie: Auf gefährlichen Pfaden

Dtsch Arztebl 2003; 100(5): A-234 / B-211 / C-203

Möhrle, Alfred

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LNSLNS Eine Auseinandersetzung mit Gandjour und Lauterbach

Eine Rationierung wird notwendige Folge der Mittelbegrenzung sein. Unter dieser Annahme impliziert eine als gerecht empfundene Mittelverteilung, dass bestimmte Personen von einer optimalen Behandlung ausgeschlossen werden.“
Starke Worte, nicht wahr? Geschrieben von einem, der auszog, die Bundesregierung und speziell unsere Ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt in Sachen Rettung unseres Gesundheitswesens zu beraten, nämlich Prof. Dr. K.W. Lauterbach, zusammen mit seinem Koautor Dr. A. Gandjour in einem Artikel in der Zeitschrift Versicherungsmedizin 54 (2002) Heft 2. Und weiter:
„Die konkrete Benennung des von einer optimalen Therapie ausgeschlossenen Personenkreises kann jedoch nicht logisch begründet werden, sondern erfordert die Ermittlung der Präferenzen der Bevölkerung oder ihrer Repräsentanten, eben ein übergeordnetes Wertesystem.“
oder:
„Da unter der gegenwärtigen Mittelbegrenzung für das Gesundheitswesen eine optimale Versorgung aller Personen nicht möglich ist, beinhalten solche Normen notwendigerweise eine besondere Verpflichtung des Arztes nicht nur dem einzelnen Patienten, sondern der Gesellschaft gegenüber.“
Was für ein Gedankengut kommt hier zum Vorschein? Den Verfassern wird hoffentlich nicht bewusst sein, welch unheilvolle Spirale sie mit solcherlei Vorstellungen in Gang setzen können. Denn hatten wir das nicht schon einmal, dass aufgrund vermeintlicher Präferenz des Volkes durch seine Vertreter bestimmte Personenkreise von vielen Bereichen des sozialen Lebens ausgeschlossen wurden? Aus „Sorge um Volk und Gesellschaft“ hatten schon Ende des 19. Jahrhunderts Leute wie Francis Galton, ein Vetter von Charles Darwin, Julius Ludwig August Koch, Emil Kraepelin und Alfred Ploetz den Begriff der „Eugenik“ geschaffen, der später in die von Binding und Hoche ideologisch fundierte Euthanasie mündete, mit dem schrecklichen Höhepunkt in den Jahren nach 1933. Zwei unserer Nachbarländer haben jüngst durch ihre Gesetzgebung zur aktiven Sterbehilfe wieder den Weg in diese Richtung eingeschlagen.
Lauterbach und Gandjour seien solche Absichten nicht unterstellt. Doch an ihren Aussagen kann man sehen, auf welch gefährliche Pfade man geraten kann, wenn man als Theoretiker mit volkswirtschaftlichen Denkmodellen und ethischen Grundsätzen herumspielt und dabei das vergisst, was jedem Arzt tagtäglich begegnet, nämlich den kranken Menschen in seiner Hilflosigkeit, auf der Suche nach einem Arzt, dem er vertrauen kann.
Aber wo wollen die Autoren eigentlich hin? Sollen wir unser Gesundheitswesen dahin verkommen lassen, wo England schon ist? Soll es ab 70 keine neue Niere oder ab 80 keine Hüftprothese mehr geben? Fragen Sie mal den 70-Jährigen, dessen Nieren nicht mehr arbeiten, was er von einer solchen Gesundheitsversorgung hält. Oder fragen Sie die 80-Jährige, die nicht mehr oder nur mit großen Schmerzen laufen kann, ob sie einsieht, dass die Versichertengemeinschaft ihr leider keine Hüftoperation mehr spendieren will. Das kann es doch wohl nicht sein! Vergessen wir nicht, dass die Alten von heute die Jungen von gestern sind, die viele Jahrzehnte durch ihre Arbeit den Wiederaufstieg unseres Landes bewerkstelligt haben. Vergessen wir auch nicht, dass morgen wir die Alten sein werden. Die Generation, die heute unser Land regiert, die 1968 mit Steinen geworfen, Häuser besetzt und sich Straßenschlachten mit der Polizei geliefert hat, muss erst noch beweisen, dass sie es schafft, die Erfolge der heute Alten wenigstens zu bewahren, wenn schon nicht zu mehren.
Was heißt überhaupt „Mittelbegrenzung“ und „Rationierung“? Hat schon mal jemand die Betroffenen gefragt, wofür sie ihre Mittel ausgeben wollen? Ich rede nicht von den jungen und gesunden, sondern von denjenigen Bürgern, die zum „Patienten“ geworden sind. Welche Läuterung durch diesen Vorgang auch bei Politikern vor sich gehen kann, konnten wir in jüngster Zeit an einigen Beispielen beobachten. Nun muss man nicht in den Main springen (beziehungsweise die Spree), um zu wissen, dass Wasser nass ist. Soviel Fantasie sollte man von einem Spitzenpolitiker erwarten können, dass er sich in die Lage eines Kranken versetzen kann.
Das ständige Geschwätz von Unter-, Über- und Fehlversorgung kann man auch nicht mehr hören. Richtige, also „Normalversorgung“, scheint es gar nicht zu geben. Tatsächlich trifft dies jedoch wohl in 95 Prozent der Fälle zu. Die öffentliche Diskussion zeigt, dass es eben nicht reicht, dummes Zeug einfach nur nachzuplappern. Das trifft ebenso auf das ständige Gemeckere über mangelnde Qualität zu. Warum gilt überall auf der Welt unser Gesundheitswesen als vorbildlich und nachahmenswert, wenn es so schlecht ist? Warum lässt sich ein jeder, auch Politiker, sofort nach Hause zurückfliegen, wenn er im Ausland einen Unfall erleidet oder ernstlich krank wird? Nur um in den Genuss unserer qualitativ mangelhaften Unter-, Über- oder Fehlversorgung zu kommen?
Bedrückend ist, dass die Diskussion um unser Gesundheitswesen längst den Kreis derjenigen überschritten hat, die vielleicht noch etwas davon verstehen. „Gesellschaftlich relevante“ Gruppen aller Art glauben, ihren Senf zu einer Reform des Systems dazugeben zu müssen. Zum Beispiel auch solche, die eine Nullrunde für die Leistungserbringer im Gesundheitswesen befürworten, im gleichen Atemzug jedoch für sich und ihre Mitglieder Lohnerhöhungen mit einer drei vor dem Komma fordern und dieser Forderung, ohne Rücksicht auf die wirtschaftliche Situation im Lande, mit Trillerpfeifen auf der Straße Nachdruck zu verleihen suchen.
Sicherlich braucht unser Gesundheitswesen wie auch unser gesamtes soziales Sicherungssystem dringend eine grundlegende Reform. Warum konzentriert man sich nicht darauf, vor allem diejenigen zu fragen, die tagtäglich damit arbeiten, und auch diejenigen zu hören, welche die Leistungen des Systems in Anspruch nehmen müssen? Immer neue Kommissionen, in welchen die entscheidenden Gruppen nicht vertreten sind, für deren Ergebnisse sich offenbar niemand interessiert und die umzusetzen niemand gewillt ist, sind nicht die Lösung. Besonders dann nicht, wenn dort „Fachleute“ mitreden, die solche Sätze schreiben, wie eingangs dieses Artikels zitiert.

Dr. med. Alfred Möhrle
Der Verfasser ist Präsident der Hessischen Lan­des­ärz­te­kam­mer und Mitglied des Vorstandes der Bundes­ärzte­kammer.
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