ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2003Ärztemangel: Gesundschrumpfen

THEMEN DER ZEIT: Glosse

Ärztemangel: Gesundschrumpfen

Dtsch Arztebl 2003; 100(5): A-242 / B-220 / C-210

Schell, F. Jürgen

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LNSLNS Nach Jahren der so genannten Ärzteschwemme nimmt die Zahl der berufstätigen Ärzte langsam ab. Zwischen einem Drittel und der Hälfte aller Mediziner, die das Studium erfolgreich abschließen, entzieht sich dem Medizinbetrieb, wird Unternehmensberater, Journalist oder etwas anderes. Nur als Ärzte wollen die jungen Berufsaspiranten nicht praktizieren.
Kaum ist die Entwicklung offenkundig, beginnen schon die Kassandrarufe von Berufspessimisten, und manchmal wird sogar die Forderung nach einer „Green-Card“ für ausländische Ärzte laut. Für jeden, der die Veränderungen des Arztberufs in Deutschland in den letzten Jahren aufmerksam verfolgt hat, klingen solche Befürchtungen realitätsfremd. Was haben wir alles über die verheerenden Folgen der Ärzteschwemme hören müssen. Wie haben sich Funktionäre, Professoren, Lehrbeauftragte und Chefärzte ins Zeug gelegt, um es dem Nachwuchs nicht allzu leicht zu machen, sich zu etablieren – alles nur im Bemühen, die Ärzteschwemme aufzuhalten.
Daher ist die neue Entwicklung doch ein Grund zu feiern – für fast alle. Die Krankenkassen behaupten, dass mehr Ärzte stets höhere Kosten auslösen. Folglich bedeuten weniger Ärzte auch weniger Kosten. Wenn man die Ärzteschaft also beispielsweise auf den Stand von 1950 „gesundschrumpfen“ lässt, ist das Problem der Finanzierung des Gesundheitswesens gelöst. Denn: So viele aufwendige und kostenintensive Untersuchungen können die wenigen Ärztinnen und Ärzte künftig zeitlich gar nicht mehr machen. Auf ähnliche Weise werden sie bei teuren Medikamenten mühelos Spareffekte erreichen.
Aber nicht nur die Kassen dürfen erfreut sein. Auch die Kassenärztlichen Vereinigungen können diesen Zeiten wieder optimistisch entgegenblicken. Honorarstreit und unzufriedene Mitglieder ade, denn bald reicht das Geld für alle. Nie mehr wird ein Klinikarzt eines operativen Faches über Schwierigkeiten klagen müssen, seinen Katalog zu füllen. Chefärzte sparen viel Zeit durch den Wegfall von lästigen Bewerbungsgesprächen. Mancher Angehörige der Pflegeberufe, der ohnehin immer davon überzeugt war, besser als der Arzt über die Patienten Bescheid zu wissen, darf seine Fertigkeiten künftig ohne ärztliches Eingreifen unter Beweis stellen.
Für die Niedergelassenen wird es keine Sperrgebiete mehr geben. In der Praxis kann es einmal etwas länger dauern, bis die Patienten drankommen, aber hilft das nicht auch, die wirklich Kranken von den Praxisbesuchern zu unterscheiden, denen es eher an Sozialkontakten fehlt? Die werden dann noch mehr Heilpraktiker aufsuchen, was die nächste Berufsgruppe erfreuen dürfte.
Was knapp ist, hat in einer materialistischen Welt besonders hohen Wert. Daher wird der Rückgang der Zahl der Ärzte dem verbleibenden tapferen Rest einen enormen gesellschaftlichen Aufschwung bescheren. Es wird wieder etwas Besonderes sein, sich Arzt nennen zu dürfen.
Mag sein, dass diese Gesundung des Gesundheitssicherungssystems geringfügige anderweitige Schäden verursacht. Denkbar wäre zum Beispiel, dass parallel mit der Zahl der Ärzte die Lebenserwartung der Bevölkerung sinkt. Dieser Befund sollte jedoch einmal mit dem Realismus eines Politikers oder Kassenfunktionärs betrachtet werden: Letztlich hilft ein massiver Rückgang der Zahl der Ärzte so, die nächste Säule des Sozialsystems mit zu sanieren. Dr. med. F. Jürgen Schell
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