ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2003WHO-Programm zur Polio-Eradikation: Ghana – eine Erfolgsgeschichte

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WHO-Programm zur Polio-Eradikation: Ghana – eine Erfolgsgeschichte

Dtsch Arztebl 2003; 100(5): A-243 / B-221 / C-211

Beyrer, Konrad

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Gespräch mit den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen eines Gesundheitspostens
Gespräch mit den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen eines Gesundheitspostens
Trotz widriger Umstände ist es Ghana gelungen, die Kinderlähmung zurückzudrängen. Der letzte bestätigte Fall datiert von Oktober 2000 – ein Beispiel, das Mut macht.

Bis 2005 soll die Welt frei von Polio-Wildviren sein. So sieht es der Zeitplan der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) vor. Um dies zu erreichen, müssen jedoch zwei Voraussetzungen erfüllt sein: Einerseits muss der Durchimpfungsgrad der Bevölkerung ausreichend hoch, andererseits ein verlässliches Überwachungssystem installiert sein. Als Überwachungsinstrument hat sich international die so genannte AFP-Surveillance durchgesetzt. AFP steht für „acute flaccid paralysis“, „akut aufgetretene schlaffe Lähmung“ der Extremitäten. Im Rahmen der Überwachung soll jedes Kind bis zum 15. Lebensjahr, das an einer akuten schlaffen Lähmung der Extremitäten leidet, unverzüglich an ein zentrales Register gemeldet werden. Innerhalb von 14 Tagen werden zwei Stuhlproben auf Enteroviren untersucht, und 60 Tage nach Lähmungsbeginn wird eine Follow-up-Befragung durchgeführt, um Informationen zur Abschlussdiagnose und zu eventuellen Restparesen zu erhalten. Nur so kann der Fall abschließend beurteilt werden.
Außer der Poliomyelitis gibt es weitere Ursachen für akut auftretende schlaffe Lähmungen. Deshalb geht man davon aus, dass jährlich mindestens ein Polio-Fall je 100 000 Kinder dieser Altersgruppe auftritt. Wird diese Rate erreicht und werden mindestens 80 Prozent der Fälle durch Stuhluntersuchungen auf Polio-Viren abgeklärt, gilt das als Qualitätsmerkmal für eine ausreichend gute AFP-Surveillance. Wenn drei Jahre lang kein durch Wildviren verursachter Polio-Fall mehr entdeckt wird und mehr als 80 Prozent der Bevölkerung gegen Polio-Viren immun sind, gilt eine Region als „poliofrei“.
Durch weltweite Impfkampagnen konnte die Zahl der Polio-Fälle von geschätzten 350 000 im Jahr 1988 auf 554 im Jahr 2002 verringert werden. Drei der sechs WHO-Regionen wurden für poliofrei erklärt: 1994 die Region Nord- und Südamerika, 2000 die Region West-Pazifik (inklusive China) und 2002 die europäische Region. Dort trat die letzte Polio-Erkrankung am 26. Oktober 1998 in der Türkei auf.
In den WHO-Regionen Afrika, östliches Mittelmeer und Südostasien ist die Poliomyelitis dagegen noch endemisch. Um auch dort die Polio-Eradikation voranzutreiben, haben die WHO, Rotary International, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen und die US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention das STOP-Programm (Stop Transmission of Polio) ins Leben gerufen. Im Rahmen dieses Programms besuchen jährlich Experten aus dem öffentlichen Gesundheitswesen für mehrere Monate Polio-Risikoländer, um vor Ort die Ge­sund­heits­mi­nis­terien und die Verantwortlichen im Gesundheitswesen in ihrem Kampf gegen die Kinderlähmung zu unterstützen.
Für den Einsatz von Juni bis August 2002 waren als Zielländer Indonesien, die Philippinen, Kenia, Äthiopien, Nigeria, Sudan, Angola und Ghana vorgesehen. Ehemals als Land an der Goldküste bekannt und von den Europäern zuerst der Bodenschätze und dann – durch drei Jahrhunderte Sklavenhandel – der Menschen beraubt, ist Ghana inzwischen bemüht, politisch und wirtschaftlich auf die Beine zu kommen. Seit 1996 beteiligt sich das Land an der WHO-Initiative zur Ausrottung der Kinderlähmung. Ghana ist in etwa so groß ist wie die frühere Bundesrepublik. Von den knapp 20 Millionen Einwohnern sind rund 8,8 Millionen jünger als 15 Jahre. Dementsprechend erwartete das Expertenteam mindestens 88 AFP-Fälle pro Jahr.
Die Hauptaufgabe des Ghana-Teams bestand darin, die schwer erreichbaren Gesundheitsposten in den verschiedenen Regionen des Landes aufzusuchen und dort mit Blick auf die Polio-Eradikation und die AFP-Surveillance über das bisher Erreichte und künftige Ziele zu berichten. Außerdem sollten diese Besuche dazu genutzt werden, nach nicht dokumentierten AFP-Fällen zu suchen. Darüber hinaus galt es, die Rahmenbedingungen für Impfkampagnen (Kühlkette, Impfstoffverfügbarkeit und andere) zu evaluieren und Missstände zu beheben. Das Einsatzgebiet war die nördliche Region. Sie ist die größte der zehn Regionen Ghanas, entspricht ungefähr der Größe Bayerns, zählt aber nur zwei Millionen Einwohner.
Der letzte bestätigte Polio-Fall in Ghana: Das sechsjährige Kind erkrankte im Oktober 2000. Fotos: Konrad Beyrer
Der letzte bestätigte Polio-Fall in Ghana: Das sechsjährige Kind erkrankte im Oktober 2000. Fotos: Konrad Beyrer
Die Arbeits- und Lebensbedingungen für die Krankenschwestern und
-pfleger in den dortigen Gesundheitsposten sind mitunter extrem schwierig. Viele der Gesundheitsstationen haben weder Strom noch fließend Wasser. In vielen Regionen sind auch Nahrungsmittel knapp. Die nächstgrößere Stadt kann häufig wegen der schlechten Straßenverhältnisse erst nach mehrstündiger Fahrt erreicht werden. In der Regenzeit sind manche Orte völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Raub und Überfälle stellen das einheimische Pflegepersonal vor zusätzliche Probleme. In Anwesenheit unseres Teams wurden zwei Krankenpfleger überfallen und getötet, während man ihre Dienstmotorräder stahl. Verständlicherweise verbreiten derartige Vorfälle Angst und Unsicherheit unter den Pflegekräften, und die so dringend benötigte gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung vor allem in den abgelegenen Gebieten bleibt auf der Strecke.
Aus der nördlichen Region waren bis Anfang August 2002 bereits neun AFP-Fälle gemeldet worden, wobei acht Fälle pro Jahr mindestens erwartet werden. Da alle AFP-Meldungen inklusive der zwei geforderten Stuhlproben zeitgerecht durchgeführt wurden, galten die WHO-Qualitätskriterien als erfüllt. Dasselbe gilt für die landesweite AFP-Surveillance. 102 Fälle wurden gemeldet, von denen 90 Prozent durch zwei Stuhlproben untersucht wurden. In keinem Fall war die Lähmung auf Polio- Wildviren zurückzuführen – ein Hinweis auf die Polio-Freiheit des Landes.
Um den Qualitätskriterien der AFP-Surveillance gerecht zu werden, unternimmt das einheimische Pflegepersonal erhebliche – und bewundernswerte – Anstrengungen. Unter Einhaltung der Kühlkette transportiert eine Krankenschwester oder ein Pfleger die Stuhlproben auf der Ladefläche eines Lasters oder auf einem Motorrad über staubige, während der Regenzeit schlammige Pisten zur nächstgrößeren Stadt. Die „Transporteure“ sind unter Umständen einen ganzen Tag lang unterwegs, „nur“ um die Stuhlproben rechtzeitig abzuliefern. Auf ähnlich abenteuerliche Weise gelangen die Proben schließlich in die regionale Hauptstadt. Dort werden die Patientendaten erfasst. Durch die relativ intakte Infrastruktur zwischen der Regionalhauptstadt und der Landeshauptstadt Accra ist der letzte Abschnitt des Probentransports zum nationalen Referenzlabor vergleichsweise einfach. Trotz der widrigen Umstände und der tropischen Hitze erreichen die Proben meist innerhalb von drei Tagen in gutem Zustand das Labor. Hingabe, Gelassenheit und Engagement der Mitarbeiter im Gesundheitswesen machen dies möglich.
Diese Eigenschaften sind ebenfalls unerlässlich, wenn es um die Durchführung der nationalen und regionalen Impftage geht, die den Durchimpfungsgrad der Bevölkerung erhöhen sollen. Aufgrund dieser Aktivitäten ist es gelungen, die Kinderlähmung in Ghana immer weiter zurückzudrängen. Seit Oktober 2000 wurde kein Polio-Fall mehr gemeldet.
Zwar spielt auch in Ghana die Kinderlähmung eine immer geringere Rolle innerhalb der drängenden Gesundheitsprobleme. Dennoch ist das Bewusstsein für diese Krankheit noch immer allgegenwärtig. Vor allem in den Straßen der größeren Städte fallen Kinder, Jugendliche und Erwachsene auf, die aufgrund einer Polio-Infektion behindert sind, an Krücken gehen und versuchen, durch Betteln ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Die erfolgreiche Polio-Eradikation bedeutet für die Kinder in Ghana, dass ihnen ein solches Los künftig erspart bleibt. Darüber hinaus wurde durch das Polio-Programm eine Infrastruktur geschaffen, die bereits zur Bekämpfung anderer Krankheiten, wie zum Beispiel der Masern, genutzt wird.
Solange es jedoch noch irgendwo auf der Welt Polio-Wildviren gibt, ist niemand vor der Poliomyelitis gefeit. Auch in Deutschland müssen bis zur endgültigen globalen Eradikation bei Kindern und Erwachsenen die Impfungen gegen die Kinderlähmung und die AFP-Surveillance fortgeführt werden. Die bisher erzielten Teilerfolge der Polio-Eradikation in den einzelnen WHO-Regionen machen Mut, und das Beispiel von Ghana zeigt, dass es möglich ist, gemeinsam eine „Welt ohne Polio“ zu schaffen.

Dr. med. Konrad Beyrer
Nationale Kommission für
Polioeradikation in Deutschland
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