ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2003Mammographie: Epidemiologische Anfängerfehler

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Mammographie: Epidemiologische Anfängerfehler

Dtsch Arztebl 2003; 100(5): A-249 / B-227 / C-217

Lauterbach, Karl W.

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LNSLNS Der Beitrag von Herrn Butz kann nicht widerlegen, dass durch die Einführung eines qualitätsgesicherten Mammographiescreenings in Deutschland pro Jahr mehr als 3 000 Brustkrebstodesfälle und 60 000 bis 100 000 überflüssige Brustbiopsien vermieden werden könnten. Butz geht davon aus, dass in Deutschland die hohe Zahl falschpositiver Befunde (also die niedrige Spezifität von Mammographien) im Vergleich zu den Niederlanden darauf zurückzuführen sei, dass die Entdeckungsrate (Sensitivität) dort niedriger sei als in Deutschland. Er nimmt an, dass sich die Entdeckungsrate von Brustkrebstumoren in einem Screening grundsätzlich nur auf Kosten einer hohen Zahl falschpositiver Befunde verbessern ließe. Dies ist aber falsch. Nur für ein Screening optimaler Qualität gilt, dass sich die Sensitivität nur auf Kosten der Spezifität erhöhen lässt. Ist die Qualität suboptimal, kann beides gleichzeitig verbessert werden, wie dies auch im Rahmen der Einführung des Mammographiescreenings nach Europäischen Leitlinien in den Niederlanden realisiert wurde. So stieg für das Folgescreening in den Niederlanden die Sensitivität von 1990 bis 1996 von 58,5 % auf 61,8 %.
Gleichzeitig stieg die Spezifität von 99,4 auf 99,7 %. Für die jetzt erreichte hohe Qualität des Screenings in den Niederlanden dürfte gelten, dass zukünftige Verringerungen falschpositiver Befunde nur auf Kosten von übersehenen Brustkrebstumoren möglich sind. Von einer solchen Situation sind wir in Deutschland aber noch sehr weit entfernt. Für die Qualität von Mammographien in Deutschland gilt, dass Sensitivität und Spezifität gleichzeitig erhöht werden müssen. In dieser Hinsicht ziehen die Kassenärztliche Bundesvereinigung, die Krankenkassen, die Fachgesellschaften und die Bundesregierung am gleichen Strang.
Auch hängt die in Deutschland von der Einführung eines Mammographiescreenings zu erwartende Senkung der Brustkrebssterblichkeit nicht von der derzeitigen Sterblichkeit beziehungsweise der bereits erreichten Verbesserung der Sterblichkeit durch z. B. eine bessere Behandlung oder Ernährung ab. Die im Artikel von Butz gelisteten Mortalitätsraten der IARC, die wegen eines fehlenden Brustkrebsregisters für ganz Deutschland ohnehin wenig aussagefähig bleiben, sind daher für seine Argumentation ohne Belang und dienen anscheinend eher der Suggestion, dass in Deutschland bereits beste Qualität vorherrsche.
Der . . . Artikel enthält epidemiologische Anfängerfehler. Eine Kampagne, dass nicht die Qualität der Versorgung im deutschen Gesundheitswesen, sondern die Studien zur Qualität schlecht seien, ist meines Erachtens sehr gefährlich. Über Jahre hinweg aufgebaute Projekte wie die Modellprojekte zur Verbesserung der Brustkrebsfrüherkennung nach Europäischen Leitlinien könnten verzögert oder beschädigt werden.
Prof. Dr. med. Dr. sc. Karl W. Lauterbach, Institut für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie der Universität zu Köln, Gleueler Straße 176–178, 50935 Köln
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