ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2003Lyrik: Abgründige Worte

VARIA: Feuilleton

Lyrik: Abgründige Worte

Dtsch Arztebl 2003; 100(5): A-277 / B-249 / C-239

Jachertz, Norbert

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Foto: Rimbaud Verlag
Foto: Rimbaud Verlag
Wie ein Dichter seinen Aufenthalt in Israel verarbeitete

Hände
eingewickelte Palmenkronen unter freiem Himmel
über Spannungsfelder wie Hände gebunden
im Menschenauflauf zu genau gehender Todesuhr
teilnahmslos aufgezogen zwischen Gottesanbetern

aus Pflanzenstacheln Draht gewickelt um den Kopf
nackt in verrotem Ölzeug an jedem Glied maßlos
schadenroh am Kreuz Schmerzensschreie unbewußt
losgeworden den letzten Atem verschlagen
mit festgenagelten Brettern versperrt


Das Gebirgsdorf im Norden Israels scheint ausgestorben, als wir dort eintreffen. Umso überraschender wirkt die Gestalt, die uns auf der Straße da entgegenschreitet: ein Mann Mitte dreißig in einem weiten weißen Anzug, als käme er geradewegs aus den Südstaaten, mit hellem und breitkrämpigem Hut. Das ist der Lyriker und, wie sich bald herausstellt, Rezitator Frank Schablewski aus Düsseldorf. Im Rahmen eines Künstleraustausches verbringt er einige Monate in Israel, in eben jenem Dorf, bevölkert von Malern und Bildhauern.
Was früher ein touristischer Anziehungspunkt war, ist heute, bedingt durch die Unruhen im Heiligen Land, nahezu touristenfrei. Das Künstlerdorf hat so etwas Unwirkliches, so unwirklich wie der deutsche Dichter im weißen Anzug. Er ist aber ganz real und führt uns in seine Wohnung, ein großes Zimmer mit orientalischer Anmutung. Hier rezitiert er vor seinen erstaunten Gästen aus eigener und höchst eigenwilliger Lyrik.
Schablewski hat seine Erfahrungen in Nahost lyrisch verarbeitet. Entstanden sind dabei keine eingängigen Gedichte. Schablewskis Lyrik ist nämlich auf den ersten Blick schwer zugänglich. Er setzt ohne Rücksicht auf Satzbau und Grammatik die Worte so zusammen, dass daraus Bedeutungskomplexe entstehen. Nicht selten verändert er vertraute Wörter mit kleinen Kunstgriffen derart, dass sie wie neu wirken.
Zum schnellen Lesen ist diese Lyrik also nicht geeignet. Am besten liest man die Gedichte laut oder hört sie sich vom Rezitator auf CD oder bei einer Lesung (Infos unter www.rimbaud.de) gesprochen an. Dann erschließen sie sich.
Schablewski hat das Unwirkliche und Abgründige der Stimmung, die wohl jeden Besucher Israels heute umfängt, vorzüglich eingefangen. Diese Mischung aus mittelmeerischer Landschaft, historischen Denkmälern, modernen Hochhäusern und verfallenen Gemäuern, diese Stimmung aus unterdrückter Angst und Gewalt, besser noch aus Angst vor Gewalt, das alles wird überraschend lebendig – wenn der Leser oder Zuhörer genügend Geduld und Einfühlungsvermögen mitbringt. Dann kommt er auch Schablewski nahe, denn der hat sich seinem abgründigen Gegenstand ja auch mit Geduld und Einfühlung genähert. Norbert Jachertz

Frank Schablewski: Mauersegler, Gedichte, 47 Seiten, Rimbaud, Lyrik- Taschenbuch 29, 2002, 11 €
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