ArchivDeutsches Ärzteblatt6/1996Forum der Bundes­ärzte­kammer – Lumbalsyndrom: Die konservative Therapie hat Vorrang

POLITIK: Medizinreport

Forum der Bundes­ärzte­kammer – Lumbalsyndrom: Die konservative Therapie hat Vorrang

Vetter, Christine

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LNSLNS Das Lumbalsyndrom wird in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle konservativ behandelt, auch wenn dies eine enorme Geduld vom Patienten wie auch vom behandelnden Arzt erfordert. Operationen der Bandscheibe sind selten geworden: Sie kommen nur noch bei maximal zehn Prozent der betroffenen Patienten in Betracht, wie Wissenschaftler beim 20. Interdisziplinären Forum der Bundes­ärzte­kammer in Köln betonten. Nach Angaben von Professor Dr. Matthias H. Hackenbroch (Köln) ist das Lumbalsyndrom für 20 Prozent aller Krankschreibungen und für 50 Prozent der vorzeitigen Rentenanträge verantwortlich.


Beinlähmung ist Operationsindikation
Eine absolute Operationsindikation sei nur gegeben, wenn eine eindeutig auf einer Nervenkompression durch Bandscheibe oder Knochen beruhende Beinlähmung vorliegt oder eine im Vergleich dazu deutlich seltenere Schließmuskellähmung der Blase und des Darmes (Cauda-Syndrom). Nur eine relative Operationsindikation stellt nach Hackenbroch der therapieresistente Schmerz ohne neurologische Ausfälle dar.
Dies liege nicht zuletzt daran, daß das degenerative Lumbalsyndrom unter der konservativen Behandlung eine günstige Prognose aufweist und zudem die Spontanheilungsrate hoch ist, ein Aspekt, der heutzutage oft übersehen werde: Der Kölner Orthopäde plädierte deshalb in erster Linie für Zurückhaltung bei invasiver Diagnostik und Therapie.
Vielmehr steht das konservative Vorgehen im Vordergrund, und das umfaßt nach Professor Dr. Jürgen Krämer (Bochum) eine kausale Schmerztherapie mit speziellen Maßnahmen wie Lagerung, manueller Therapie und Korrektur muskulärer Dysbalancen, und zum Einsatz kommen vor allem die lokale Injektionsbehandlung, die physikalische Therapie, Orthesen und im präventiven Bereich die Rückenschule. Auch Krämer sprach sich primär gegen die Operation aus: "Unabhängig von der pathologisch-anatomischen Situation wird immer zunächst versucht, konservativ zu behandeln und das osmotische System Bandscheibe zu erhalten." Bevorzugte Haltung ist nach seinen Worten die Stufenlagerung, die der Patient so oft wie möglich einnehmen sollte, da so die Zwischenwirbellöcher erweitert, dorsale Bandscheibenprotrusionen abgeflacht und die Wirbelgelenkkapseln entspannt werden.
Beim Lumbalsyndrom mit und ohne radikuläre oder pseudoradikuläre Ausstrahlung sind nach Krämer paravertebrale Injektionen indiziert, und zwar täglich und eventuell ergänzt durch epidurale Injektionen ein- bis zweimal pro Woche. Begleitende Wärmeanwendungen, Elektrotherapie und Krankengymnastik sind unerläßlich und sollten täglich zeitversetzt durchgeführt werden. Unter Umständen kann das Programm laut Krämer darüber hinaus durch Akupunktur und manuelle Therapie ergänzt werden.


Intradiskale Therapien
Als Indikation zum invasiveren Vorgehen nannte Krämer eine Ischialgie von mehr als sechs Wochen, Wurzelzeichen, Lasègue unter 60 Grad, einen entsprechenden Leidensdruck des Patienten und den Nachweis einer Protrusion oder eines Prolaps im CT, MR oder Diskogramm, der dem klinischen Befund entspreche. Beim erhaltenen Anulus fibrosus kommen zur weiteren Therapie vor allem intradiskale therapeutische Verfahren in Frage – und zwar als luminale perkutane Diskotomie, als lumbale perkutane Laserdiskotomie sowie als lumbale intradiskale Injektion. Enttäuschend sind die Ergebnisse laut Krämer leider bislang bei der perkutanen lumbalen Diskotomie, und auch die Laserdiskotomie hat die in das Verfahren gesetzten Hoffnungen bislang nicht erfüllen können. Mit einer Erfolgsrate von 32 Prozent steht sie nach Angaben des Orthopäden noch deutlich hinter der Chemonukleolyse mit einer Erfolgsrate von 62 Prozent zurück. Christine Vetter

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