ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2003„Vereinte“ Kran­ken­ver­siche­rung: Kaum noch Allianz mit den Ärzten

VARIA: Wirtschaft

„Vereinte“ Kran­ken­ver­siche­rung: Kaum noch Allianz mit den Ärzten

Dtsch Arztebl 2003; 100(5): A-278 / B-250 / C-240

Heinzelmann, Wilfried

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LNSLNS Pressemeldungen zufolge erhöhte die „Vereinte“ (ab 2003 Allianz Private Kran­ken­ver­siche­rungs-AG), München, die Prämien zum 1. Januar um durchschnittlich knapp fünf Prozent. Nur „in Einzelfällen“ seien kräftigere Steigerungen zu erwarten. Viele ältere Ärzte haben jedoch überdurchschnittliche Prämiensteigerungen bis zu 15 Prozent hinzunehmen. Dabei gelten besonders für Ärzte im Ruhestand gesetzliche und vertragliche Beitragsdämpfungsfaktoren, die allenfalls eine moderate Prämienerhöhung rechtfertigen:
- Bei älteren Ärzten müsste die Vergünstigung der gesetzlichen Alterungsrückstellungen (aus dazu jährlich erhöhten Prämien) angewendet werden, die ausreichen sollten, ihnen eine „nur“ durchschnittliche jährliche Prämienerhöhung zu sichern. Der Ausstieg aus wohl erworbenen Versicherungsrechten mit Übergang in den „Standardtarif“ ist nicht zumutbar.
- In der Regel besteht über den Marburger Bund eine Gruppenversicherung als ärztespezifisch prämiengünstige Variante. Wenn dieser Prämiendämpfungsfaktor im Verteuerungsfall nicht gebührend zur Geltung kommt, hört die Allianz Private Kranken AG auf, eine „Ärzteversicherung“ zu sein.
Weitere Fakten sprechen für eine nur „durchschnittliche“ Prämienerhöhung: Viele ältere Ärzte vermeiden nach Möglichkeit den Weg zum Arzt oder in das Krankenhaus. Für die Rechnungsbeträge nach GOÄ werden von den Kollegen in der Regel nur niedrige Multiplikatoren angesetzt. Ärzte behandeln sich oft selbst. Fast alle Verordnungen stellen sie sich selbst aus. Sie verwenden, soweit es geht, Präparatemuster und nehmen auch Injektionen (zum Beispiel Schutzimpfungen) an sich selbst vor. Ärzte sind Experten in Prävention, im Alter auch für sich selbst. Sie bringen Gesundheit aktiv ein in die Solidargemeinschaft, damit diese nicht zur reinen Risikogemeinschaft abfällt.
Die Klage über die demographische Entwicklung entfällt bei privat versicherten bereits berenteten Ärzten, weil sie im Gegensatz zu den gesetzlich versicherten Rentnern bis ans Lebensende jährlich steigende Höchstbeiträge selbst entrichten.
Weiterhin bringt die Pflegekasse den Krankenkassen eine Ausgabenentlastung, die bisher in keiner Kostenberechnung auftaucht. Die Blümsche Reform hat der Gesellschaft eine doppelte Kran­ken­ver­siche­rung beschert, nämlich eine zweite zur Kostenabdeckung von Symptomen und Folgen von Alterserkrankungen. Eine bilanztechnische Zusammenfassung von Kranken- und Pflegeversicherung erlaubt es der Allianz, Kranken auch in Zukunft bei jährlichen Prämienerhöhungen moderate Zahlen zu nennen, wenn nur die Kosten für die Pflegeversicherung sinken oder gleich bleiben.
Der eigentliche Grund für das Ausmaß der aktuellen
Prämienerhöhung liegt kaum in der Gesundheitsökonomie (keine Kostenexplosion in 2002; siehe DÄ, Heft 48/2002), sondern eher in der Fusion der Vereinten mit der Allianz AG und deren finanziellen Turbulenzen (circa 350 Millionen Euro Defizit in 2002). Ärzte gehören jetzt ohne vorherige Optionsmöglichkeit für eine eigene Entscheidung gemäß dem Gegenseitigkeitsprinzip zwangsweise einer anderen Kran­ken­ver­siche­rung an, als sie sich ausgewählt haben.
Zu berücksichtigen sind Nullrunden bei den Renten durch die Ärzteversorgung über einen Zeitraum bis zu acht Jahren. Damit stehen viele Ärzte am Rand ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit. Bei einem Jahresbeitrag von 5 000 bis 6 000 Euro stellt sich für Ärzte die Frage, ob die private Vollversicherung ab 60 Jahren noch einen Sinn macht. Bei rechtzeitiger Zusammenführung der Mittel ist das Risiko gering, die meisten Krankheiten nicht aus eigener Tasche finanzieren zu können. Mit maximalem Selbstbehalt könnten Ärzte sich auf eine Versicherung der stationären Krankheitskosten beschränken. Viele werden dies auch tun.
Dr. med. Wilfried Heinzelmann
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