ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2003Verwaltungsaufwand im Krankenhaus: Urstände der Bürokratenseele

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Verwaltungsaufwand im Krankenhaus: Urstände der Bürokratenseele

Dtsch Arztebl 2003; 100(6): A-356 / B-312 / C-300

Westermann, Karlheinz

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Foto: Peter Wirtz
Foto: Peter Wirtz
Es ist ein Witz. Während Tausende Assistenzärzte noch die neuesten Codierrichtlinien studieren und versuchen, durch unermüdliche Verschlüsselungstätigkeit „ihre“ Klinik vor dem finanziellen Ruin zu retten, hat die Gesellschaft für Qualitätssicherung in Hessen ein Projekt an hessischen Krankenhäusern gestartet: die „Qualitätssicherung in der Schlaganfallbehandlung“.
Dabei handelt es sich um die statistische Erfassung aller in den Krankenhäusern behandelten Schlaganfallpatienten. Die Ärzte sollen zu diesem Zwecke für jeden Patienten einen detaillierten Erfassungsbogen ausfüllen. Zeitaufwand: 15 bis 30 Minuten je Patient. Als kleiner Anreiz zur Sorgfalt wird ein „Zuschlag“ von 3,07 Euro je Fall gewährt, bei fehlender ärztlicher Compliance droht hingegen ein „Abschlag in Höhe des 20fachen der internen Zuschläge“, also ein Bußgeld von 61,40 Euro je Fall. Das hat was Neues, nicht wahr! Erzwungener Gehorsam durch Strafandrohung. Ärzte und Krankenkassenvertreter zwingen Ärzte zu statistischen Sonderaufgaben. Warum? Erwarten die Initiatoren etwa Widerstand gegen das Projekt? Von Ärzten? Es darf gelacht werden. Haben wir doch alle bisherigen Kröten wie ICD-10 und ICPM-Verschlüsselung relativ kritiklos geschluckt.
Es sei angemerkt, dass infolge der Finanzmisere im ambulanten Gesundheitswesen die Anzahl der stationär behandelten Patienten seit Jahren stetig steigt und gleichzeitig die durchschnittliche Verweildauer in der Klinik kontinuierlich sinkt, was logischerweise einen erheblichen Mehraufwand für Ärzte und Pflegekräfte bedingt. Ein Ende dieses Trends ist nicht absehbar.
Zudem hat sich das Aufgabenspektrum der Klinikärzte erheblich geändert. Es gibt eine Entwicklung hin zu mehr Bürokratie im Dienste der Kostenträger und der Politik, weg von der Arbeit am Patienten und weg von einer soliden Fort- und Weiterbildung. Dazu passt, dass die Stellenschlüssel für Ärzte in den letzten Jahren, aus Kostengründen versteht sich, nur marginal aufgestockt wurden.
Man braucht nicht viel Fantasie, um zu prognostizieren, dass in Zukunft jedes kostenrelevante Krankheitsbild in ein statistisches Programm gepresst und per Fragebogen in den Kliniken abgefragt werden wird. Aus der irrwitzigen anfallenden Zahlenflut – in meiner Abteilung derzeit zehn bis 30 Ziffern pro Patient auf der nach oben offenen ICD/ICPM-Skala – entsteht zwangsläufig ein zusätzlicher Stellenmehrbedarf in den Krankenhäusern.
Stellt sich die Frage, warum diese Zusatzbelastungen den Ärzten auferlegt werden. Etwa, weil sie die Einzigen wären, die dazu qualifiziert genug sind? Falsch! Es sind die Ärzte, weil sie fast alle in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Arbeitgeber stehen, weil Überstunden in vielen Kliniken immer noch kein Thema sind, über das man spricht, weil Jungmediziner gewissenhaft, belastbar und unterwürfig sind, und vor allem, weil nur durch sie der bürokratisch-monströse Kraftakt quasi kostenneutral zu haben ist. Ganz nebenbei fallen wunderbare Zahlenkolonnen für die Kontrolleure ab, die ohne jeden Zweifel dazu benutzt werden, den Ärzten zu beweisen, dass sie die Patienten noch schneller, rationeller und billiger zu behandeln – Entschuldigung – zu managen haben.
Diejenigen, die verantwortlich sind für die Produktion des Zahlenmülls, haben auch die Pflicht, unsere knappen Zeitressourcen zu berücksichtigen. Vor allem aber sollten sie Qualität statt Quantität liefern, nämlich ein verständliches und praktikables Abrechnungssystem. Nach der Prämisse „so viel Statistik wie nötig, so wenig Müll wie möglich“ sollten die Experten dies eigentlich hinkriegen können. Sie haben ja keine Patienten zu betreuen.
Dr. med. Karlheinz Westermann
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