ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2003Diagnostik von Pankreaserkrankungen – Bestimmung von Lipase und alpha-Amylase meistens verzichtbar: Schlusswort

MEDIZIN: Diskussion

Diagnostik von Pankreaserkrankungen – Bestimmung von Lipase und alpha-Amylase meistens verzichtbar: Schlusswort

Dtsch Arztebl 2003; 100(6): A-343 / B-304 / C-292

Teich, Niels; Mössner, Joachim

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LNSLNS Herr Hoffmann bemerkt völlig zutreffend, dass neben Lipase und Amylase eine Vielzahl von Routineparametern ohne sinnvolle Indikation bestimmt werden. Über das Thema unseres Übersichtsartikels hinausgehend ist bezüglich der Amylase zu ergänzen, dass aus klinischer Sicht weder Pankreaserkrankungen noch jedwede andere Erkrankung eine Indikation darstellt, die Aktivität der Amylase im Serum zu ermitteln.
Bei der akuten Pankreatitis ist die Lipase der Amylase diagnostisch deutlich überlegen. Andere Erkrankungen, die mit einer Erhöhung der Amylase-Aktivität im Serum einhergehen können (zum Beispiel die akute Parotitis) werden durch Anamnese, klinische Untersuchung und gegebenenfalls mittels bildgebender Verfahren diagnostiziert. Das Wissen um die Höhe der Amylase ist darüber hinaus ohne jede diagnostische und therapeutische Konsequenz.
Herr Hoffmann nennt weitere häu-
fig angeforderte Laborparameter, die ebenfalls als Screeningparameter fallen gelassen werden können, und weiterhin regt er an, einer evidenzbasierten Diagnostik mehr Beachtung zu geben. Dieses Problem existiert nicht nur bei In-vitro-Untersuchungen, sondern es besteht auch hinsichtlich anderer diagnostischer, insbesondere bildgebender und interventioneller Verfahren.
In einem labormedizinischem Zusammenhang kritisch zu sehen sind insbesondere veraltete „Laborprofile“. Eine Zusammenstellung dieser Profile ist häufig von den vorhandenen technischen Möglichkeiten der vergangenen Jahrzehnte geprägt („Ladenhüter“) und nicht von der evidenzbasierten labormedizinischen Wertigkeit der einzelnen Untersuchungen. Diese Profile enthalten daher häu-
fig sinnlose (zum Beispiel Amylase), speziellen Fragestellungen vorbehaltene (zum Beispiel Lipase), redun-
dante (zum Beispiel CK-MB gemein-
sam mit Troponin [1]) oder obsolete (wie zum Beispiel Fructosamine [2], Prostata-Phosphatase [3]) Untersuchungen.
Zudem wird durch das Angebot und die Anforderung veralteter Laborprofile die unselektierte Bestimmung von vielen und von nicht indizierten Serumparametern gefördert. Liegen die gemessenen Werte dann nicht im Referenzbereich, sind Patient und Arzt häufig ungerechtfertigt verunsichert und es entstehen Kosten zur Abklärung dieser Laborergebnisse. Andererseits kann auch bei unauffälligen Laborwerten eine ernste Erkrankung bestehen wie beispielsweise ein Pankreaskarzinom trotz trügerisch unauffälligem „Leber-Pankreas-Profil“. Das gilt besonders dann, wenn das Pankreaskarzinom klein und somit potenziell therapierbar ist.
Wir plädieren daher dafür, die Anforderung von Laboruntersuchungen stärker am klinischen Bild des Patienten zu orientieren. Durch eine evidenzbasierte Laboratoriumsmedizin werden unsinnige Laboruntersuchungen vermieden und es werden dem Patienten unnötige Abklärungsuntersuchungen erspart.

Literatur
1. Myocardial infarction redefined – a consensus document of The Joint European Society of Cardiology/
American College of Cardiology Committee for the redefinition of myocardial infarction. J Am Coll Cardiol 2000; 36: 959–969.
2. Kennedy DM, Johnson AB, Hill PG: A comparison of automated fructosamine and HbA1c methods for monitoring diabetes in pregnancy. Ann Clin Biochem 1998; 35: 283–289.
3. Strohmaier WL, Keller T, Bichler KG: Follow-up in prostate cancer patients: which parameters are
necessary? Eur Urol 1999; 35: 21–25.

Dr. med. Niels Teich
Prof. Dr. med. Joachim Mössner
Medizinische Klinik und Poliklinik II
Dr. med. Matthias Orth
Institut für Laboratoriumsmedizin,
Klinische Chemie und Molekulare Diagnostik
Universitätsklinikum Leipzig A.ö.R.
Philipp-Rosenthal-Straße 27
04103 Leipzig
E-Mail: teichn@medizin.uni-leipzig.de

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