ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2003Abrechnungsbetrug: Kleinlaute Ankläger

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Abrechnungsbetrug: Kleinlaute Ankläger

Dtsch Arztebl 2003; 100(6): A-289 / B-257 / C-249

Korzilius, Heike

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LNSLNS Den Stein ins Rollen brachte das Fernsehmagazin „Panorama“: Niedersächsische Ärzte hätten Leistungen an Toten abgerechnet. Schlamperei bescheinigte man den Kassenärztlichen Vereinigungen bei der Aufklärung solcher Betrügereien. Die AOK Niedersachsen sprach von einem Abrechnungsskandal – angesichts der derzeitigen gesundheitspolitischen Turbulenzen ein gefundenes Fressen für die Medien.
Entsprechend heftig fielen die Reaktionen aus. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt fühlte sich bemüßigt, die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) an ihr angebliches Versäumnis zu erinnern, sie über Umfang und Erfahrungen mit Abrechnungsbetrug zu unterrichten. Diese wiederum vermutete politische Ziele hinter dem „Panorama“-Bericht, der allein dazu gedient habe, die Kassenärztlichen Vereinigungen in ein schlechtes Licht zu rücken. Eberhard Gramsch, Vorstandsvorsitzender der KV Niedersachsen, warf der AOK vor, das Ansehen der Ärzteschaft in der Öffentlichkeit gezielt zu diffamieren und die KV als Helfershelfer beim Betrug zu verunglimpfen.
Inzwischen prüft die KV Niedersachsen eine Liste mit 1 040 Verdächtigen, die ihr die „Fahnder“ der AOK übermittelt haben. Nach einer ersten Durchsicht sind 119 Ärzte übrig geblieben, die sie näher un-
ter die Lupe nehmen wird – darunter zahlreiche Onkologen und Laborärzte, die, so die KV, in bestimmten Fällen durchaus rechtmäßig Leistungen nach dem Tod von Patienten abrechnen.
Derweil ist die AOK Niedersachsen – weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit – um Deeskalation bemüht. Offenbar beeindruckt von dem Medienrummel und dem Zorn der Ärzte, beteuerte Kassen-Chefin Christine Lüer, es sei nie beabsichtigt gewesen, das Ansehen der „Gesamtheit des Ärztestandes in Niedersachsen in Mitleidenschaft“ zu ziehen. Und: „Die KV als Organisation trifft keine Schuld an dem Skandal.“ Sie habe es auch nicht am Willen zur gemeinsamen Aufklärung mangeln lassen. „Wir gehen strikt gegen Abrechnungsbetrug vor“, bestätigt der KBV-Vorsitzende Manfred Richter-Reichhelm.
In Zukunft wäre Besonnenheit hilfreich. Skandale sind kurzlebig, aber der Flurschaden ist immens. Heike Korzilius
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