POLITIK

Nachgefragt

Dtsch Arztebl 2003; 100(6): A-301 / B-267 / C-259

Merten, Martina

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Prof. Dr. med. Jörg- Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer, Köln Foto: Bernhard Eifrig
Prof. Dr. med. Jörg- Dietrich Hoppe, Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Köln Foto: Bernhard Eifrig
DÄ: Leistungsverdichtung und Stress am Krankenbett sind Folgen des seit Jahren andauernden Bettenabbaus und des Rückgangs der Verweildauer der Patienten. Kann trotz dieser Entwicklung der Qualitätsstandard in den Krankenhäusern gehalten und
eine wohnortnahe Versorgung garantiert werden?
Hoppe: Die Zukunft sieht nicht allzu rosig aus. Durch die mit hohem Druck vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium vorangetriebene Einführung des neuen Vergütungssystems der Diagnosis Related Groups (DRGs) werden trotz steigender Patientenzahlen weniger Betten zur Verfügung stehen, und auch die Verweildauer im Krankenhaus wird weiter sinken. Die negativen Konsequenzen dieser Hauruck-Politik, die auch völlig unzulängliche und lückenhafte Kalkulationsdaten in Kauf nimmt, werden die Patienten im stationären und poststationären Bereich zu spüren bekommen. Trotzdem ignoriert das Ministerium beharrlich die groben Mängel des Systems, um den selbst gesteckten Zeitplan zur verbindlichen Einführung der DRGs nicht zu gefährden. Unter diesen Voraussetzungen ist es kaum möglich, den Qualitätsstandard in den Krankenhäusern zu halten. Die Öffentlichkeit hat das Recht, darüber aufgeklärt zu werden. Wir werden unseren Teil dazu beitragen.

DÄ: Krankenhausärzte sind von den neuen Entwicklungen in den Kliniken ebenso betroffen. Unter welchen Rahmenbedingungen müssen sie künftig arbeiten?
Hoppe: Die Nullrundenpolitik der Regierung und auch die überstürzte Einführung der DRGs wird die ohnehin schon angespannte Situation von Ärztinnen und Ärzten im Krankenhaus dramatisch verschlechtern. Die Leistungsverdichtung und die Reduzierung der Planstellen im ärztlichen Dienst führen schon jetzt zu unerträglichen Arbeitsbelastungen. In Verbindung mit willkürlich befristeten Arbeitsverträgen, einer permanenten Umgehung des Arbeitszeitgesetzes und millionenfach unbezahlter Überstunden kommt dies einer brutalen Ausbeutung der Arbeitskraft der Ärztinnen und Ärzte gleich. Die Verantwortung für die notwendige ärztliche Betreuung der Patienten ist wegen dieser drastischen Überlastung für viele Ärzte untragbar geworden. Der Frust wird noch dadurch gesteigert, dass die meiste Zeit, die eigentlich dem Patienten zur Verfügung stehen müsste, dem täglichen Bürokratie-Wahnsinn zum Opfer fällt.

DÄ: Die Verdichtung der Leistung führt schon seit längerem zur Forderung nach Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes für Krankenhausärzte, Auffüllung der Stellenpläne, besserer Bezahlung und humanen Arbeitsbedingungen. Sind diese Forderungen mit der aktuellen Situation in Einklang zu bringen?
Hoppe: Der Staat hat für humane Arbeitsbedingungen Sorge zu tragen. Er muss schon seine eigenen Gesetze ernst nehmen und auf Erfüllung der entsprechenden Vorschriften bestehen, beispielsweise des Arbeitszeitgesetzes von 1996. Davon dürfen Ärztinnen und Ärzte im Krankenhaus nicht ausgenommen werden. Das ist aber bereits jetzt de facto der Fall. Die Geduld und das Verantwortungsgefühl des Arztes gegenüber den Patienten wird von den Krankenhausträgern notgedrungen aber auch schamlos ausgenutzt.
DÄ-Fragen: Martina Merten
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