ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2003Ouvertüre oder Abgesang?

POLITIK: Kommentar

Ouvertüre oder Abgesang?

Dtsch Arztebl 2003; 100(6): A-302

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LNSLNS Beim Umgang mit Positivliste, Negativliste, monistischer Kranken-hausfinanzierung, Aut-idem-Regelung und mit anderen Instrumenten hat sich die Gesundheitspolitik der letzten Jahre in vielen Bereichen so unstet und ungeschickt gezeigt, dass man sich fragen musste, ob diese wirklich ein Interesse an zukunftsweisenden Veränderungen hatte oder ob es vielmehr nur darum ging, die Verantwortung für Versorgungsprobleme und Finanzierungslücken abzuwälzen. Auffällig war je-denfalls, dass keiner der Bereiche mit den stärksten Kostensteigerungen (stationärer Sektor, Medikamentenkosten, Verwaltungskosten der Krankenkassen) ernsthaft angegangen wurde, sondern stets die Schuldzuweisungen an den einzigen Bereich adressiert wurden, der seit Jahrzehnten effektiv und kostenstabil arbeitet: die niedergelassenen Ärzte und die Kassenärztlichen Vereinigungen.
Dies war eigentlich auch nicht überraschend, wenn man der federführenden SPD unterstellte, dass sie sich vor der Wahl weder mit Gewerkschaften, Industrielobby noch mit den durch manche persönliche Bande verknüpften Krankenkassen anlegen wollte.
Jetzt erklingen nach der Bundestagswahl ganz neue Töne aus Berlin:
- Für patentfreie Arzneimittel fordert das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium die Schaffung von Festbeträgen, sobald Generika auf den Markt kommen. Diese Regelung ist eindeutig auf die derzeit noch arg überteuerten Statine bezogen. Im laufenden Jahr sollen nach Auslaufen des Patents Simvastatin-Generika auf den Markt kommen. Folgt man den Empfehlungen des von der Europäischen Kardiologengesellschaft beschlossenen Herzschutzprogramms, würden die benötigten Statine nach jetzigem Marktpreis mit 19 Milliarden Euro jährlich fast so viel kosten wie das gesamte bisherige Medikamentenbudget. (Mit der Behandlung aller Patienten mit Cholesterinwerten über 200 mg% soll eine Verringerung der Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 40 Prozent erreicht werden.)
- Professor Dr. med. Dr. sc. Karl W. Lauterbach, Gesundheitsökonom und Epidemiologe der Universität zu Köln, fordert den bundesweiten Abbau von 41 Prozent der Krankenhausbetten. Im Hintergrund könnte die Sorge stehen, dass die derzeitige kostenintensive Umstellung auf Diagnosis Related Groups doch nicht die erwünschten Einspareffekte bringen könnte. In Österreich zeigte sich jedenfalls nach DRG-Einführung vor fünf Jahren zwar eine Verkürzung der durchschnittlichen Liegedauer um etwa 15 Prozent, doch wurde das durch Mehraktivität der Krankenhausambulanzen und eine um den gleichen Betrag gestiegene Fallzahl kompensiert. Jetzt muss eigentlich nur noch die dritte „heilige Kuh“ geschlachtet werden: das Dogma der Dominanz des Kassenwettbewerbs. Gründe dafür gäbe es:
- Die Öffnung der Krankenkassen führte fast zum Ruin einiger Primärkassen.
- Ein überwiegend krankheitsgewichteter Risiko­struk­tur­aus­gleich wird auch in den nächsten Jahren noch nicht umgesetzt werden können.
- Ein Festhalten an kassengesteuerten Disease-Management-Programmen (DMP) würde die Fehlkonstruktion dieses Systems offenbaren. Kein Niedergelassener wäre in der Lage, 40 verschiedene DMP-Schulungen, -Programme und -Fragebögen zu handhaben – und nebenbei auch noch die bisherige Gesundheitsversorgung zu gewährleisten.
- Ein Kassen-Einkaufsmodell wäre nur eine weitere Steigerung dieser Fehlentwicklung. (Wer sich einmal bemüht hat, sich durch den Paragraphendschungel einer Hausratversicherung zu kämpfen, kann sich von den dann drohenden Verhältnissen ein Bild machen. Allerdings wird eine Hausratversicherung in der Regel einmal in fünf Jahren beansprucht, eine Kran­ken­ver­siche­rung dagegen oft wöchentlich.)
Warten wir es ab, ob aus den Tönen eine Melodie wird, ob Dirigent und Orchester zusammenfinden. Uwe Popert
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