ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2003„Auf ein Wunder brauchen wir nicht zu hoffen“

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

„Auf ein Wunder brauchen wir nicht zu hoffen“

Dtsch Arztebl 2003; 100(6): A-311 / B-276 / C-266

Krüger-Brand, Heike E.

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LNSLNS Das 6. Europäische Forschungsrahmenprogramm bringt gegenüber seinen Vorgängern eine Reihe von Veränderungen mit sich. Die Steigerung der Fördergelder um 17 Prozent im Vergleich zum 5. Rahmenprogramm verdeutlicht den Stellenwert, den die Forschung als „Motor für wirtschaftliche und gesellschaftliche Innovation in Europa“ (Bun­des­for­schungs­minis­terin Edelgard Bulmahn) hat. Wichtiger noch ist die konzeptionelle Trendwende. So sollen künftig wenige, vorrangige Forschungsbereiche gefördert und die wahllose Verteilung von Fördergeldern nach dem „Gießkannenprinzip“ beendet werden. Darüber hinaus soll ein „europäischer Forschungsraum“ entstehen, indem die Zusammenarbeit der Wissenschaftler durch neue Förderinstrumente wie „Integrierte Projekte“ und „Exzellenznetzwerke“ verbessert wird. Gleichzeitig sollen die Durchführungsbestimmungen durch neue Förderformen und dezentralisierte Verwaltungsverfahren vereinfacht und beschleunigt werden (siehe auch http://europa.eu.int/comm/research/news-centre/index_de.html). Das Ziel ist mehr wissenschaftliche Exzellenz, Wettbewerbsfähigkeit und Innovation in Europa durch Förderung einer besseren Kooperation und Koordination.
Das sind die guten Nachrichten. Die schlechten: Europa liegt im Vergleich mit den USA und Japan immer noch zurück, wenn man den Aufwand für die Forschung am Anteil des Bruttoinlandsproduktes betrachtet. Die USA wenden 2,7 Prozent und Japan sogar 3,1 Prozent ihres BIP für Forschung auf, die europäischen Mitgliedsstaaten durchschnittlich nur 1,8 Prozent. Von den bis 2010 angestrebten jeweils drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Forschung und Entwicklung ist man in der EU somit noch weit entfernt, und es sieht nicht so aus, als würde sich dies in absehbarer Zeit ändern. In Deutschland werden die von Bund und Ländern beschlossenen Haushaltssteigerungen von drei Prozent für das Jahr 2003 im Rahmen der Sparmaßnahmen der Bundesregierung für die großen Forschungsorganisationen, darunter die Max-Planck-Gesellschaft und die Deutsche Forschungsgemeinschaft, voraussichtlich wieder zurückgenommen. Dazu der Kommentar von Hans-Olaf Henkel, dem Präsidenten der Leibniz-Gemeinschaft: „Wie dieses Ziel ohne jährliche Ausgabensteigerungen im Forschungshaushalt erreicht werden soll, ist mir schleierhaft. Auf ein Wunder im letzten Jahr brauchen wir nicht zu hoffen.“
Hinzu kommen in Deutschland möglicherweise noch andere Hindernisse für eine international erfolgreiche Forschung: So fehlten im Unterschied zu den USA aufgrund der hier vorherrschenden „Stallkultur“ die starke Förderung des kollaborativen Arbeitens und die Erfahrung, wie man in vernetzten Gruppen zusammenarbeitet, meint Prof. Dr. med. Otto Rienhoff, Universität Göttingen. Nach Ansicht des Experten müssen kommerziell ausgerichtete „Servicecenter“ für die Nachhaltigkeit der Forschungsnetze sorgen. Ohnehin würden die meisten Netze – in Deutschland gibt es rund 50 Verbünde – in den nächsten zwei Jahren verschwinden, weil ihre Finanzierung nicht gesichert ist. Auch wenn man diese pessimistische Einschätzung nicht teilt, sind die Signale für die deutsche Forschung nicht gerade ermutigend, im internationalen Vergleich droht Deutschland zurückzufallen.
Heike Krüger-Brand
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