ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2003Kopfpauschalen: Reform energisch unterstützen

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Kopfpauschalen: Reform energisch unterstützen

Dtsch Arztebl 2003; 100(6): A-319 / B-284 / C-274

Donner-Banzhoff, Norbert

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LNSLNS Die Polemik von E. Gramsch und D. von Stillfried gegen Kopfpauschalen für Hausärzte sollte nicht unwidersprochen bleiben. Die Autoren gehen schon von einer wenig sinnvollen Annahme aus, nämlich dass eine Kopfpauschale nur sinnvoll sei, wenn die Behandlungsfälle beim Hausarzt weitgehend homogen sind. Diese Bedingung ist natürlich nie gegeben: Weder sind bestimmte Krankheitsgruppen (z. B. Diabetiker) homogen, noch ist es die Praxispopulation insgesamt. Entscheidend ist vielmehr der Durchschnitt: Zwar gibt es schwer kranke Patienten mit hoher Inanspruchnahme, diese werden aber ausgeglichen durch Patienten, die nur geringe oder sogar keine Leistungen benötigen.
Sicher setzt auch eine Kopfpauschale bestimmte Anreize. Hausärzte werden beispielsweise ihre Patienten eher dazu „erziehen“, banale Infekte ohne ärztliche Hilfe selbst zu behandeln. Damit gewinnen sie Zeit für chronische und/oder schwer Kranke. Primär und sekundär präventive Maßnahmen machen dann auch ökonomisch Sinn. Dass Patienten pauschal vergüteter Ärzte unterversorgt würden, ist immer wieder behauptet worden, ohne dass in den besonders in den USA zahlreichen Untersuchungen zu diesem Thema ein Nachweis geglückt wäre. Auch das „Vergraulen“ chronisch Kranker mit aufwendiger Betreuung kann sich ein Hausarzt in seinem örtlichen Milieu kaum leisten, in dem entsprechende Nachrichten schnell die Runde machen.
Damit die Vorteile einer Pauschale greifen, muss sie von der Inanspruchnahme abgekoppelt sein, d. h., es muss sich um eine reine Einschreibe-Pauschale handeln. Dabei ist es sinnvoll, die Höhe der Pauschale nach Alter, sozialen und evtl. Morbiditätskriterien zu staffeln. Die internationale Diskussion favorisiert durchaus gemischte Systeme, in denen ergänzend zur Pauschale wenige besonders erwünschte Leistungen (z. B. präventive Check-ups, kleine Chirurgie) gesondert vergütet werden. Die Einschreibung bei einem Hausarzt wiederum erleichtert dessen Koordinationsfunktion.
Die ideologische Floskel vom „Leistungsbezug“ verdeckt den irrwitzigen administrativen Aufwand, den Einzelleistungsvergütungen jeglicher Art für den einzelnen Arzt wie auch Institutionen (KV) mit sich bringen. Die Stunde, die niedergelassene Kollegen der täglichen Abrechnung widmen, ist für die Patienten, die ärztliche Fortbildung und die Erholung verloren. Sie ist – unter den Bedingungen eines gedeckelten Honorars – einzig dem innerärztlichen Verteilungskampf gewidmet: Wir können in dieser Stunde Besseres tun. Es ist kein Zufall, dass die hausärztliche Versorgung in Ländern mit pauschalierter Vergütung besonders gut entwickelt ist; hier haben die Kollegen den Kopf eher frei für die Arbeit, die tatsächlich dem Patienten zugute kommt. Wir Hausärzte sollten die Entwicklung hin zu einer pauschalierten Vergütung energisch unterstützen.
Priv.-Doz. Dr. med. Norbert Donner-Banzhoff, M.H.Sc., Abteilung für Allgemeinmedizin, Rehabilitative und Präventive Medizin, Universität Marburg, 35033 Marburg
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