ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2003Arzt-Patienten-Beziehung: Zustimmung

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Arzt-Patienten-Beziehung: Zustimmung

Dtsch Arztebl 2003; 100(6): A-320 / B-284 / C-274

Petersen, Peter

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LNSLNS In der Schilderung des Ideals und ebenso der gegenwärtigen Verzerrung der Arzt-Patienten-Beziehung stimme ich vollkommen zu. Leider ist diese Verzerrung durch zwei fundamentale Bedingungen zu ergänzen. Zuerst historisch durch die wissenschaftstheoretisch begründete und sich seit 400 Jahren ständig vertiefende Leib-Seele-Spaltung und die Ausschaltung des Geistes, die in der Praxistheorie auch nicht durch die moderne anthroposophische und psychosomatische Medizin überwunden wurde. Wäre sie überwunden, so würden in einer revidierten Wissenschaftstheorie auch die abfällig – und unverständlicherweise – angeprangerten alternativen Heilweisen integriert werden können. Dass es dazu praktikable Lösungen gibt, beweist das Universitätsklinikum Herdecke und die Universität Witten-Herdecke: Dort findet eine patientengerechte und wissenschaftlich fundierte Integration von klassischer Medizin, anthroposophischer Medizin, Phytotherapie und künstlerischen Therapien statt – mit dem Ergebnis, dass vor allem aufgeklärte und intellektuelle Patienten und angehende Ärzte dort Schlange stehen. Leute, denen man sicherlich weder magischen Glauben noch vorwissenschaftliches Bewusstsein attestieren wird – ganz im Gegenteil.
Aus meiner jahrzehntelangen Erfahrung als Universitätslehrer an drei Medizinischen Fakultäten weiß ich zur Genüge, wie unsere Studenten unter dieser Verzerrung leiden.
Aber es gibt leider einen weiteren und höchst banalen Grund: nicht wenige Universitätslehrer und Uni-Klinikdirektoren benutzen ihr verantwortungsvolles Amt, um ihren wissenschaftlichen Ruhm und die Fülle ihres Geldbeutels zu vermehren (ein für die Uni-Kliniken zuständiger Ministerialrat sagte mir einmal voller Zynismus: „Mit Klinikdirektoren muss ich wie mit Millionären verhandeln – nicht wie mit Ärzten“), statt sich vor ihren Assistenten und Studenten vorbildlich um eine Arzt-Patienten-Beziehung in dem geschilderten Sinn zu bemühen: von tiefem Respekt vor der Person des Patienten, fundiertem Wissen und intensiver Empathie getragen.
Wir Universitätslehrer – auch wenn zum Glück einzelne von uns diese Ideale vorlebten und lebten – dürfen uns nicht wundern, wenn heute nur noch jeder sechste Bundesbürger Vertrauen in die klassische Medizin hat, wenn 70 % an die Kraft der alternativen Heilweisen glauben und wenn 89 % der deutschen Bevölkerung eine stärkere Förderung der alternativen Medizin wünschen. Ich kann mich diesem Wunsch nur anschließen.
Prof. Dr. med. Peter Petersen, MHH, Kauzenwinkel 22,
30627 Hann
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