ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2003Arzt-Patienten-Beziehung: Folge der Tendenz zur Naturwissenschaft

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Arzt-Patienten-Beziehung: Folge der Tendenz zur Naturwissenschaft

Dtsch Arztebl 2003; 100(6): A-320 / B-284 / C-274

Kindt, Reinhardt; Vögler, Hendrik

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LNSLNS Der Artikel beschreibt dankenswerterweise ein Phänomen höchster Relevanz. Es führt einerseits zu unzufriedenen, unzureichend versorgten Patienten und andererseits zu frustrierten Ärzten und Therapeuten. Es sollte die Frage gestellt werden, ob diese Entwicklung nicht die konsequente Folge einer einseitigen Tendenz der Medizin zur Naturwissenschaft ist, deren Menschenbild einer auf den stofflichen Bereich reduzierten Anschauung unterliegt. Böker beklagt das Abwandern der Menschen zu „vorwissenschaftlichen“ und „volksmedizinischen“ Medizinrichtungen. Wenn in diesem Zusammenhang auch die anthroposophische Medizin genannt wird, muss eher von einer „nach-naturwissenschaftlichen Medizin“ gesprochen werden. In dieser die Naturwissenschaft explizit nicht ausschließenden, sondern sie erweiternden Medizin stellt das menschliche Ich als sich biografisch entfaltende Individualität keine Metaebene dar, sondern wird verstanden als integrale, alle Ebenen der menschlichen Organisation durchdringende Instanz, die in den Prozessen von Gesundheit und Krankheit mitwirkt und die in eine vollgültige Therapie mit einbezogen werden muss. Die Leib-Seele-Geist-Durchdringung ist in der modernen Medizin insbesondere von der neueren Neurobiologie meist paradigmatisch konventionell interpretiert worden (seelisch-geistige Phänomene sind „subjektive“ Epiphänomene stofflicher Prozesse). In der heutigen Gesellschaft entsteht allerdings immer mehr ein Bewusstsein von der potenziellen Autonomie des Menschen und der Wille, sie zu ergreifen (Salutogenese). Von daher bleibt die gut gemeinte Empfehlung, die „Patienten ernst zu nehmen“, ganz an der Oberfläche, wenn Medizin als Wissenschaft sich den Herausforderungen der Seelen- und Geist-Instanz des Patienten nicht zu stellen vermag. Und auch gesundheitspolitische Reformbemühungen scheitern langfristig, wenn das objektorientierte Patientenbild der naturwissenschaftlichen Medizin nicht hinterfragt wird – Objekte übernehmen keine Verantwortung.
Dr. med. Reinhardt Kindt, Dr. med. Hendrik Vögler, Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland e.V., Beurhausstraße 7, 44137 Dortmund
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