ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2003Traumatisierte Kinder: Großer Forschungsbedarf

EDITORIAL

Traumatisierte Kinder: Großer Forschungsbedarf

PP 2, Ausgabe Februar 2003, Seite 49

Bühring, Petra

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LNSLNS Mit traumatisierten Kindern im bürgerkriegserschütterten Sri Lanka beschäftigt sich ein Artikel auf Seite 75 in diesem Heft. Eine Psychologin stellt ein deutsches Hilfsprojekt vor, das die psychologische Versorgung der Kinder in Flüchtlingslagern sichern soll. Ein schwieriges Unterfangen, weil die Kinder in den Lagern ständigen Retraumatisierungen, alkoholsüchtigen Vätern und sexuellen Übergriffen ausgesetzt sind.
Das Risiko, eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) zu entwikkeln, ist bei Kindern und Jugendlichen deutlich größer nach traumatischen Ereignissen, die von Menschen verursacht werden, als nach Naturkatastrophen. Darauf wies Prof. Dr. Beate Herpertz-Dahlmann, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, während des 27. Interdisziplinären Forums der Bundes­ärzte­kammer hin. Die Wahrscheinlichkeit, nach Missbrauch oder Misshandlung eine PTBS zu entwickeln, ist hoch: 35 bis 40 Prozent in den ersten zwei Monaten nach Aufdekkung. Die neurobiologischen Folgen einer PTBS in einer Phase, in der sich das kindliche Gehirn im intensiven Wachstum befindet, dürfen nicht unterschätzt werden: Anhaltender Stress kann dann Auswirkungen auf die Struktur des Gehirns haben, die irreversibel sind – „Narben, die nicht heilen“. Herpertz-Dahlmann – an deren Klinik seit Sommer 2002 eine Traumaambulanz für Kinder und Jugendliche eingerichtet worden ist – forderte, dass künftig verstärkt über die neurobiologischen Zusammenhänge zwischen Traumatisierungen im Kindesalter und psychiatrischen Erkrankungen im Erwachsenenalter geforscht werden muss.
Kinder nach traumatisierenden Ereignissen, die vorher Risikofaktoren für die Entwicklung einer PTBS aufweisen, müssen besonders engmaschig betreut werden. Risikofaktoren sind: vorausgegangener Missbrauch, belastende psychosoziale Verhältnisse, psychisch kranke Eltern oder psychische Erkrankung des Kindes, Armut, weibliches Geschlecht und Introversion.
Weil Kinder nach einem Trauma ganz andere Symptome aufweisen als Erwachsene, müssen die Polizei, Rettungskräfte und auch Hausärzte verstärkt mit Kinder- und Jugendpsychiatern und -psychotherapeuten zusammenarbeiten. Denn Kinder vermeiden die Erinnerung an die belastende Situation. Während Erwachsene häufig von Abstumpfung oder Gefühlsleere berichten, äußern Kinder zum Beispiel oft ein stereotypes „Ich weiß nicht“ oder leugnen das Geschehene. Die Affektveränderung durch PTBS bei Kindern ist zudem unspezifisch und kann sich durch ablehnendes oder aggressives Verhalten und auch durch Leistungsabfall in der Schule äußern.
Vor allem muss zur posttraumatischen Belastungsstörung bei Heranwachsenden mehr geforscht werden. Es fehlen Studien sowohl zur Wirksamkeit von Psychotherapie als auch zur Pharmakotherapie. Petra Bühring
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