ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2003Die vielen Gesichter der Personzentrierten Psychotherapie

BÜCHER

Die vielen Gesichter der Personzentrierten Psychotherapie

PP 2, Ausgabe Februar 2003, Seite 50

Keil, Wolfgang W.; Stumm, Gerhard

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Gesprächspsychotherapie
Exzellente Fundgrube
Wolfgang W. Keil, Gerhard Stumm (Hrsg.): Die vielen Gesichter der Personzentrierten Psychotherapie. Springer-Verlag, Wien, New York, 2002, XII, 638 Seiten, broschiert, 59,80 €
Die Herausgeber möchten die Fülle der internationalen Strömungen des von Carl R. Rogers begründeten personzentrierten Ansatzes sowie seine Anwendungsbreite und Einsatzgebiete dokumentieren, Vorurteile und Missverständnisse bezüglich des Ansatzes aufklären und nicht zuletzt eine „Brückenfunktion“ für andere Psychotherapieverfahren herstellen. Die Protagonisten der einzelnen Strömungen sind mit Originalbeiträgen versammelt (26 Beiträge).
Das Buch erscheint zu einem Zeitpunkt, in dem in Deutschland um die sozialrechtliche Anerkennung der Gesprächspsychotherapie – als dem eigentlichen Kernelement des personzentrierten Ansatzes – gestritten wird. Nach längerem Zögern hatte der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie eine positive Empfehlung an die Approbationsbehörden der Länder abgegeben, sodass in der Folge der Bundes­aus­schuss Ärzte/ Krankenkassen prüft, ob die Gesprächspsychotherapie als Richtlinienverfahren zuzulassen ist. Auf diese Situation wird mehrfach Bezug genommen.
Das an prominenter Stelle des Buches vorgetragene „Argument“ des Theologen Peter F. Schmid, dass Rogers’ personzentrierte Psychotherapie auf einem christlichen Personalismus aufbaue und „in erster Linie ein ethisches Phänomen“ sei, ist im internationalen Diskurs eine verschwindende Minderheitenposition. Der Versuch, aus der Gesprächspsychotherapie eine ethische Begegnungsveranstaltung für Theologen zu machen, wäre das Ende der wissenschaftlichen Psychotherapie.
Soweit aus den „Argumenten“ Schmids Kriterien für die Gliederung der einzelnen Strömungen gewonnen worden sind, sind sie misslungen. Die alternativen Etikettierungen „beziehungsorientiert“, „klinisch orientiert“ oder „experienziell“ scheinen wenig hilfreich. Macht das Ausspielen von „Beziehung“ versus „klinisch“ Sinn? Ist die klientenzentrierte Psychotherapie von Biermann-Ratjen, Eckert und Schwartz nicht zugleich „klinisch“ und „beziehungsorientiert“? Und ist nicht die „zielorientierte Gesprächspsychotherapie“ von Sachse geradezu ein Prototyp der klinischen, störungsspezifischen Psychotherapie? Doch kommen die Autoren originär zu Wort, sodass sich der Leser selber ein Urteil bilden kann.
Der dritte Teil des Buches stellt eine große Vielfalt spezieller Anwendungsbereiche vor: von der Psychiatrie über Süchte, geistige Behinderung, Psycho-Onkologie, Psychosomatik bis hin zur Palliativmedizin. Diese Anwendungsbreite wird von der Fachöffentlichkeit bisher leider zu wenig wahrgenommen.
Das Buch ist eine exzellente Fundgrube der aktuellen Trends der Gesprächspsychotherapie. Eine „Brückenfunktion“ wird das Buch allerdings kaum einnehmen. Dazu ist die Perspektive zu „österreichisch“. Günter Zurhorst
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema