ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2003Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie: Starre Forschungsprinzipien

POLITIK: Kommentar

Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie: Starre Forschungsprinzipien

PP 2, Ausgabe Februar 2003, Seite 61

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LNSLNS Der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie (WBP) vertritt ein reduktionistisches Bild von Forschung – und damit auch vom Menschen. Er wendet den so genannten Goldstandard der medikamentösen Wirksamkeitsforschung an: Wissenschaftlich anerkannt sind nur randomisierte, kontrollierte Kohortenstudien mit mehreren Hundert Patienten. Entsprechend dieser Methode werden Leitlinien im Sinne der Evidence based Medicine (EbM) erstellt. Dies ist die Leitlinie des WBP, wenn er das Testat „wissenschaftlich anerkannt“ verteilt. Gegen dieses Denken gibt es schwerwiegende Vorbehalte:
- Die Forschung nach dem Goldstandard ist machtpolitische Rechtfertigungsforschung. Weil die Vertreter der vier Richtlinienverfahren Machtpositionen – vor allem Lehrstühle für Psychotherapie und Psychosomatik an den Universitäten innerhalb der medizinischen Fakultäten – besetzt haben, verfügen sie im gesellschaftlichen Machtspiel über gute Karten.
- Unter Wissenschaftstheoretikern herrscht darüber schon längst Übereinstimmung: Das Ziel, so genannte objektive Tatsachen – dazu gehören Ergebnisse der Wirksamkeitsforschung allein nach dem Goldstandard – mit einer Methode zu beschreiben, ist weder logisch noch empirisch haltbar. Vor allem die Methoden der Praxisforschung werden durch den WBP nicht anerkannt.
- In Deutschland hinkt die Forschungsmethodik hinter der Entwicklung in den USA hinterher. Der Präsident der American Psychological Association (APA), Prof. Martin E. P. Seligman, vertrat bis 1997 den Goldstandard der Wirksamkeitsforschung. Inzwischen plädiert er dafür, Praxisstudien zu berücksichtigen.
- Einzelfallforschung ist praktisch und inzwischen auch wissenschaftsmethodisch etabliert – auch wenn sie sich im Kraftfeld gesellschaftspolitischer Machtspiele noch nicht durchgesetzt hat. Sogar die Ärzteschaft warnte auf dem Deutschen Ärztetag 2002 in Rostock vor fantasieloser Standardisierungs- und Richtlinienmedizin. Prof. Dr. med. Friedrich-Wilhelm Kolkmann, Mitglied des Vorstandes der Bundes-ärztekammer, sagte dort: „Standards und Normen im Sinne verbindlicher Handlungsanweisungen sind in der Medizin höchst problematisch . . . Externe klinische Evidenz kann individuelle klinische Erfahrung dazu ergänzen, aber niemals ersetzen.“ Gerade die individuelle Expertise entscheidet, ob die externe Evidenz überhaupt auf den einzelnen Patienten anwendbar ist. „Arzt und Patient müssen frei sein, Empfehlungen, Leitlinien und Behandlungsprogramme auch abzulehnen.“
- Die moderne (naturwissenschaftliche) Systemtheorie hat längst die starren Prinzipien der EbM hinter sich gelassen. Die Prinzipien der Systemtheorie sind: Vertrauenswürdigkeit (anstelle von Kontrolle), Individualität und Einmaligkeit (statt Homogenität), Geschichtlichkeit, Nichtlinearität und Sprünge (anstelle von Linearität), Kontext-Eingebundenheit (statt Isolation, Lokalität) und Dynamik. Wenn diese Prinzipien der Systemtheorie auf die Wirksamkeitsforschung in der Psychotherapie einschließlich der künstlerischen Therapien angewandt würden, so müssten die starren Forschungsprinzipien des WBP längst außer Kraft gesetzt sein.
- Die EbM kann mit ihrer Methodologie ausschließlich kausale Faktoren der Vergangenheit beschreiben. Sie ist durch ihren einseitigen Reduktionismus der Vergangenheit verhaftet. Das teleologische Prinzip der Systemtheorie dagegen kann schöpferische Kräfte der Zukunft berücksichtigen: Zielvorstellungen, Fantasien, Imaginationen, „Sinnattraktoren“ erscheinen als Zeichen von Lebensprozessen, die in die Zukunft weisen.
Die einseitige Haltung und Politik des WBP vernichtet einen blühenden Garten psychotherapeutischer und künstlerisch-therapeutischer Verfahren, wie er sich in den letzten fünfzig Jahren in Deutschland zugunsten einer Monokultur von drei beziehungsweise vier Verfahren entwickelt hat. Das Gesundheitssystem mit seinen vorherrschenden Paradigmen sei dabei, die Artenvielfalt und damit die potenzielle Fruchtbarkeit psychotherapeutischer und kunstorientierter Erkenntniswege einzuebnen – eine Metapher aus der Ökologie. Der Nutzen unbegradigter, natürlicher Bachläufe, die Erkenntnis, dass diese Systeme weder unorganisiert noch „unwissenschaftlich“ oder nicht messbar sind, sondern nur eine höhere, komplexe Ordnung aufweisen, scheint dem medizinisch/psychotherapeutisch-wissenschaftlichen Betrieb fremd zu sein. Der WBP trägt eine wesentliche Verantwortung dafür, wenn Patienten nicht mehr mit angemessenen therapeutischen Verfahren behandelt werden können. Die letzte Entscheidung über die Anwendung eines therapeutischen Verfahrens muss in der Hand des Therapeuten liegen, nicht beim Wissenschaftlichen Beirat als praxisferner Instanz, die zwar Denkanstöße geben, aber keine Vorschriften erlassen sollte über die Zulässigkeit bewährter Verfahren.

Literatur beim Verfasser
Prof. Dr. med. em. Peter Petersen,
Psychoanalytiker, Forschungsinstitut für Künstlerische Therapien, Kauzenwinkel 22, 30627 Hannover
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