ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2003Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie: Einflussreiche „Dritte“

POLITIK

Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie: Einflussreiche „Dritte“

PP 2, Ausgabe Februar 2003, Seite 62

Bühring, Petra

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LNSLNS Bei der Tagung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten e.V. wurde Kritik am Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie laut.

Mit sichtbaren und unsichtbaren „Dritten im Bunde“ in der therapeutischen Beziehung befasste sich der noch junge, verfahrensübergreifende Berufsverband der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten e.V. (BKJ) während seiner 2. Wissenschaftlichen Fachtagung Anfang Januar in Köln. „Dritte“ in der Therapie von Heranwachsenden sind zunächst die Eltern oder andere Bezugspersonen, Lehrer, Mitarbeiter des Jugendamtes und andere. Monika Konitzer, Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Nordrhein-Westfalen, fasste den Begriff in ihrer Ansprache aber weiter: „Einfluss auf die Therapie haben auch die Kostenträger, die Kassenärztliche Bundesvereinigungung, der Gesetzgeber, die Kammern und der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie (WBP).“
Gesprächstherapie nicht für Heranwachsende
Den Beirat bezeichnete sie als besonders „schwierigen Dritten“. Der Grund: Der WBP hat die Gesprächspsychotherapie oder klientenzentrierte Psychotherapie kürzlich zwar für Erwachsene als wissenschaftliches Psychotherapieverfahren anerkannt und den Landesbehörden zur vertieften Ausbildung empfohlen – nicht jedoch für Kinder und Jugendliche. Der 300 Mitglieder zählende BKJ kritisierte diese Entscheidung als „deutliche Benachteilung“ von Heranwachsenden und weist auf die „breite Präsenz“ der klientenzentrierten Spieltherapie in Praxen, Kliniken und Erziehungsberatungsstellen hin.
Dass die neuen Psychotherapeutenkammern wegen ihrer Pflicht zur Mitgliedschaft in den Köpfen vieler Psychotherapeuten „störende Dritte“ sind, davon ist Kammerpräsidentin Konitzer überzeugt. Sie empfahl, sich die Vorteile der berufsrechtlichen Vertretung zu vergegenwärtigen: wie beispielsweise mehr Qualität durch Standards in der Berufsordnung oder die Einheitlichkeit der Ausbildung. In der kurzen Zeit ihres Bestehens habe die Kammer bereits einen ersten politischen Erfolg in NRW errungen: Verhindert worden sei, dass der Zuschuss der Kommunen für Erziehungsberatungsstellen völlig gestrichen wurde, gekürzt wurde „nur“ um ein Drittel.
Eine weitere Entscheidung des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie – die Nicht-Anerkennung der Systemischen Psychotherapie – kritisierte Dr. med. Wilhelm Rotthaus, Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Rheinischen Kliniken Viersen. Trotz des „Lehrverbots“ des WBP gehöre die Systemische Therapie zu den meist gelehrtesten Therapieverfahren für die Behandlung Heranwachsender. Rotthaus bezeichnete dies als „Abstimmung mit den Füßen“. Er deutlichte, warum die Systemische Therapie, mit der in Viersen seit den Siebzigerjahren gearbeitet wird, für die Behandlung psychisch kranker Kinder angemessen ist.
Das Verhalten der kleinen Patienten sei nur dann zu verstehen, wenn man sie in ihrem Interaktionsfeld, in ihrem System, betrachte. Denn: „Eltern verursachen zwar nicht das Verhalten ihrer Kinder, aber sie bedingen es.“ Stets sei zu fragen, welche Funktion das Problemverhalten im System von Eltern, Lehrern oder Erziehern habe. Dadurch, dass alle Beteiligten im System des Kindes „mittherapiert“ werden, rücke das Kind aus seiner „Sündenbockfunktion“. Die Systemische Therapie beruhe auf dem „Systemischen Menschenbild“. Dieses beinhaltet: Der Einzelne ist auf die Existenz der anderen angewiesen. Deshalb könne man das Kind nicht unabhängig von seinem Kontext zu einem bestimmten Verhalten anhalten. Rotthaus betonte, dass die Systemische Therapie – wie andere Therapiemethoden auch – ressourcenorientiert handelt, das heißt damit arbeitet, was der Patient kann oder was gut läuft.
Auch bei Jugendlichen sei Einzeltherapie allein oft nicht ausreichend, stellte Rotthaus fest, denn „nur in Beziehung zu den wichtigsten Bezugspersonen kann die Individuation Jugendlicher gelingen“. Das Setting müsse die Position des Jugendlichen im Lebensumfeld reflektieren. Häufig übersehen würden Stieffamilienkonstellationen, der „neue“ Vater oder die „neuen“ Geschwister könnten auch eine Rolle für die Verhaltensauffälligkeiten spielen. Rotthaus lädt manchmal auch die Geschwister oder „Peer-groups“ zur Therapie ein. Auch die Einzeltherapie mit der Mutter könne das Problem in manchen Fällen lösen, beispielsweise in der Therapie eines Mädchens, dessen Mutter Kleptomanin war und die vor Sorge um ihre Mutter in der Schule auffällig wurde. „Die Therapie des Kindes allein erscheint nutzlos, wenn es nach stationärem Aufenthalt wieder nach Haus zurückkehrt.“
Einzeltherapie allein erscheint nutzlos
Einen ganz anderen Ansatz vertrat die Schweizerin Prof. Dr. Nitza Katz-Bernstein, Bülach: Sie arbeitet in der Spieltherapie an der Symbolisierung der Störung beziehungsweise von Interaktionen; sie schließt die Eltern von der Therapie aus, „um die Zeit dem Kind zu geben“. Der Therapieraum sei der einzige Raum, der nur den Kindern gehöre. Der zentrale Wirkfaktor für das Gelingen sei die therapeutische Beziehung. In der Therapie müsse das Kind „nacherzogen“ werden. Sie versteht ihre Aufgabe als Mittlerfunktion zwischen dem Kind und den Eltern oder anderen Beteiligten. „Wir werden dafür bezahlt, dass wir dazwischen stehen.“ Petra Bühring

Das Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie zur Gesprächspsychotherapie ist im Internet unter www.aerzteblatt.de/pp/plus0203 abrufbar.
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