ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2003Klinische Ethikberatung: Das letzte Wort hat der Arzt

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Klinische Ethikberatung: Das letzte Wort hat der Arzt

PP 2, Ausgabe Februar 2003, Seite 72

Merten, Martina

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Die Entscheidung über grundlegende medizinische Eingriffe bei schwer kranken Patienten zu treffen stellt für den Arzt oft einen Überzeugungskonflikt dar. Foto: KNA
Die Entscheidung über grundlegende medizinische Eingriffe bei schwer kranken Patienten zu treffen stellt für den Arzt oft einen Überzeugungskonflikt dar. Foto: KNA
Entscheidungshilfe in medizinischen Grenzsituationen zu leisten, hat sich das Freiburger Zentrum für Ethik und Recht in der Medizin zur Aufgabe gemacht.

Starr blickt die Frau an die Wand, ihre Augenlider scheinen sich nicht mehr zu bewegen. Sie wird über eine PEG-Sonde ernährt. Vor einigen Jahren war die ehemalige Ärztin nach einem Schlaganfall in das Freiburger Universitätsklinikum eingeliefert worden. Zu Beginn des Krankheitsverlaufs hatte sie bei noch vollem Bewusstsein in einer Patientenverfügung festlegen lassen, dass sie im Falle einer Verschlechterung ihres Zustands keine lebensverlängernden Maßnahmen mehr wünsche. Menschenwürdig sollte ihr Dasein sein, sonst wolle sie nicht länger leben. Jetzt liegt sie da, unfähig, über Leben und Tod eine Entscheidung zu fällen.*
Während die aktuelle Gesetzgebung in den Niederlanden und in Belgien aktive Sterbehilfe in einem solchen Fall ermöglichte, sind entsprechende Regelungen in Deutschland verboten. Kommt es zu Unsicherheiten hinsichtlich möglicher Therapieentscheidungen bei kritischen Kranken, sind die meisten Ärzte auf sich selbst gestellt. Am Freiburger Universitätsklinikum gibt es jedoch seit 1996 eine Institution, die Ärzten in Grenzsituationen des Lebens auf Wunsch durch klinische Ethikberatung zur Seite steht: das Zentrum für Ethik und Recht in der Medizin (ZERM). Das Freiburger Universitätsklinikum gehört neben Kliniken in Köln, Marburg und Tübingen zu den wenigen Universitätsklinika, die kommissionsfreie Ethikberatung anbieten. „Wir kommen als Unbeteiligte von außen mit methodisch-technischen Kenntnissen“, erklärt der Leiter des Forschungsreferats am ZERM, Dr. Giovanni Maio, vor Journalisten Anfang Dezember 2002 in Freiburg. Im Gegensatz zu „klassischen“ Ethikkommissionen, bei denen es ausschließlich um die Begutachtung von Forschungsvorhaben geht, handelt es sich bei dem „Freiburger Modell“, ähnlich wie bei den institutionalisierten klinischen Ethikkomitees, um ein festes Beratungsteam. Je nach Bedarf und Notwendigkeit von fachlichen Qualifikationen besteht die klinische Ethikberatung, auch Ethikkonsil genannt, aus Theologen, Juristen, Ärzten und Medizin-Ethikern. Dieses Gremium kann von Ärzten, Schwestern, Pflegern, Patienten oder deren Angehörigen bei kritischen Entscheidungen angefordert werden. „Es ist für den Arzt häufig schwierig, eindeutige Diagnosen oder Prognosen zu treffen“, erläutert der Sprecher des ZERM und ehemalige Direktor der Abteilung Innere Medizin II an der Medizinischen Universitätsklinik Freiburg, Prof. Dr. med. Dr. h. c. Hanjörg Just. Deshalb habe die Zahl der beim ZERM anfragenden Stationen in den letzten Jahren zugenommen. Von Juli 2001 bis Juli letzten Jahres fanden 37 Beratungen statt, wobei die meisten Anfragen von der Inneren Intensivstation kamen. In 21 Fällen, so Just, habe es sich bei den Fragestellungen um Unsicherheiten hinsichtlich der Indikation zur Therapiebegrenzung gehandelt.
Die Vorgehensweise des Ethikkonsils ist immer die gleiche: Im Vorfeld werden zunächst die Krankenunterlagen des Patienten beurteilt, um einen Überblick über dessen Situation zu gewinnen. Handelt es sich um Informationen über die allgemeine Rechtslage oder Auslegungshilfen bei Vorliegen einer Patientenverfügung, ist der zuständige Jurist des Ethikkonsils, Hans-Georg Koch, gefragt. Danach erfolgt nach Absprache mit dem behandelnden Arzt ein Besuch auf der Station. Das Gespräch, das bis zu einer Stunde dauern kann, sollte möglichst auf Konsens ausgerichtet sein. Maio: „Wir kommen hauptsächlich als Aufklärungshelfer und als Informationsdienst des Arztes.“ Es werde nicht beabsichtigt, sich in das Arzt-Patient-Verhältnis einzumischen oder Schaden für die Angehörigen durch unvorsichtige Empfehlungen zu verursachen. Es solle vielmehr ein erzieherischer Effekt der Ärzte erreicht werden, sodass ein Ethikkonsil langfristig überflüssig werde. „Vor allem ist es wichtig, dass die endgültige Entscheidung immer vom Arzt gefällt wird“, ergänzt Just. Dieser müsse letztlich seinem Gewissen nach handeln und entscheiden.
Ob es überhaupt eine „Pflicht“ zur Sterbehilfe gibt, ist auch für die Mitarbeiter am ZERM schwer zu beantworten. Für notwendig hält Prof. Dr. theol. Franz Josef Illhardt, Theologe am ZERM, jedoch eine ständige Überprüfung, Korrektur und Revision von Behandlungszielen, Gespräche mit Patienten, Kollegen und die Einschätzung eigener Ressourcen. Vor allem müsse die Gesellschaft darüber nachdenken, warum so viele Menschen aktive Sterbehilfe befürworteten. Prof. Just und Dr. Maio wissen eine mögliche Antwort: Eine Kultur des Sterbens werde in der westlichen Welt nicht gepflegt, auch wenn das Sterben zum Leben mit dazu gehöre. Martina Merten
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