ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2003Politische Traumatisierung in der DDR: Spätfolgen unübersehbar

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Politische Traumatisierung in der DDR: Spätfolgen unübersehbar

PP 2, Ausgabe Februar 2003, Seite 73

Sonnenmoser, Marion

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Jubelnd wurde der Fall der Mauer gefeiert. Am 9. November 1989 öffnete die DDR ihre Grenzen. Doch viele Ostdeutsche haben die Wende bis heute nicht verkraftet. Foto: dpa
Jubelnd wurde der Fall der Mauer gefeiert. Am 9. November 1989 öffnete die DDR ihre Grenzen. Doch viele Ostdeutsche haben die Wende bis heute nicht verkraftet. Foto: dpa
Die politische Repression in der DDR führte nicht nur zur psychischen Traumatisierung, sie formte auch die Persönlichkeitsstruktur –
ein Grund für die Anpassungsschwierigkeiten an die West-Kultur.

Zwischen 1945 und 1989 waren nach offiziellen Schätzungen über 300 000 Menschen aus politischen Gründen in der sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR inhaftiert. In den ersten Nachkriegsjahren wurden vorwiegend Nazifunktionäre, kommunistische und linkssozialistische Aktivisten verhaftet. Schlaf- und Essensentzug, tage- und nächtelange Dauerverhöre, Einzelhaft, Steh- und Wasserkarzer sowie physische Misshandlungen waren üblich. Die Gerichtsprozesse endeten in der Regel mit langen Haftstrafen. Die Haftbedingungen waren gekennzeichnet durch Unterernährung, Gewaltübergriffe von Aufsehern gegenüber Häftlingen und schlechter medizinischer Versorgung. „Bis 1949 starb etwa ein Drittel der Häftlinge“, berichtet Prof. Dr. med. Jörg Frommer, Leiter der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universität Magdeburg (1). Auch danach änderten sich die Haftbedingungen nur langsam. Als Verhörmethoden wurden noch in den Achtzigerjahren Einschüchterung, Entehrung und Drohung eingesetzt. In der Haft wurden psychologische Druckmethoden wie Nachtverhöre, Schlafentzug, Isolationshaft, Dunkelzellenhaft angewandt. Nach dem Bau der Mauer stellten die so genannten Republikflüchtlinge die größte Gruppe der Inhaftierten dar. Auch Personen, die lediglich einen Antrag auf Ausreise stellten, wurden bisweilen inhaftiert. Bei Fluchtversuchen an der Mauer starben bis 1989 über 500 Menschen. Viele Opfer wurden durch die physischen und psychischen Gewalterfahrungen stark traumatisiert. So berichtet eine Studie (2) von 55 Patienten, die aus politischen Gründen mindestens sechs Wochen lang in der ehemaligen DDR inhaftiert waren und infolge der Haft von anhaltenden psychischen Störungen betroffen waren. Sie litten vor allem unter depressiven Verstimmungen, allgemeinen Ängsten, Misstrauen, Albträumen, Gereiztheit, Kontaktschwierigkeiten, Aggressivität und somatischen Beschwerden.
Auch die Alltagserfahrungen in der DDR konnten traumatische Züge annehmen. Ein erheblicher Bevölkerungsanteil war ständig politischen Repressalien ausgesetzt, besonders Personen und Subkulturen, die dem Regime ablehnend gegenüberstanden oder nicht in das politische Weltbild der Staatsführung passten. Bedrohung, Bespitzelung und andere Maßnahmen führten dazu, dass sowohl die Inhaftierten als auch Teile der Bevölkerung ein posttraumatisches Störungsbild entwickelten, das als Stasi-Verfolgten-Syndrom bezeichnet wird. Auch mehr als ein Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung sind die Spätfolgen politischer Traumatisierung in der Bevölkerung der neuen Bundesländer immer noch unübersehbar. So leiden auch heute noch mehr als doppelt so viele Ostdeutsche wie Westdeutsche unter Angststörungen, und auch die Suizidrate ist im Osten höher.
Ein allmähliches Nachlassen der Traumatisierungsfolgen ist nach Frommer nicht absehbar, denn die erfolgten Traumata können autodestruktive psychische Prozesse in Gang setzen, die die Biografie der Betroffenen über viele Jahre prägen. „Die Tat lässt das Opfer nicht los“, sagt Frommer. Die Traumatisierung bleibt manchmal lebenslang bestimmendes Moment einer Leiderfahrung, die sich immer wieder reinszeniert und sich in Autodestruktion, Selbstvernachlässigung und neuer Gewalterfahrung manifestiert.
Keine Ausbildung der Konfliktkultur
Die politische Repression in der DDR führte jedoch nicht nur zur psychischen Traumatisierung weiter Bevölkerungsteile – sie formte auch den Charakter der DDR-Bürger. In der DDR konnte sich keine Konfliktkultur ausbilden. Das öffentliche Leben war geprägt von Angst, Unaufrichtigkeit und Denunziation. Die Bürger flüchteten vor der Staatsaufsicht und bildeten Nischenidentitäten aus. „Expansive Persönlichkeitsentwicklungen wurden durch repressive und gefühls-
unterdrückende Erziehung behindert“, sagt Frommer. Es wurden vor allem autoritär-zwanghafte und depressive Charakterstrukturen, Unterwerfungsbereitschaft und Gehemmtheit gefördert. Die Einflüsse des Staatssystems auf die Mentalität von Kindern zeigte eine Studie zu Beginn der 90er-Jahre. Während an westdeutschen Kindern ein übertriebener Individualismus beobachtet wurde, bei dem eventuell tiefe Objektbeziehungen und solidarisches Sozialverhalten zu kurz kommen, führte die zu frühe Unterordnung individueller Wünsche und Interessen unter kollektive Vorstellungen bei ostdeutschen Kindern zu Schwächen im Selbst- und Autonomiebereich (3). Auch heute verfügen nach Frommer die Ostdeutschen immer noch über eine spezifisch ostdeutsche und noch nicht über eine gesamtdeutsche Identität. Sie stehen der deutschen Wiedervereinigung ambivalent gegenüber und weisen ein kritisches Verhältnis gegenüber Identitätsmerkmalen der Westdeutschen auf.
Ein weiteres psychosoziales Problem, das seine Ursachen in der psychischen Traumatisierung hat, sind massive Anpassungsschwierigkeiten im Sinne eines Kulturschocks. Die Wende und damit die Anpassung an die postmoderne Kultur des Westens wurde von vielen DDR-Bürgern nicht verkraftet. Vor allem die Älteren hatten damit große Probleme, aber auch vielen Jungen gelang die
Verwandlung vom „Ossi“ zum „Wessi“ nicht – denn ihre Vergangenheit holte sie ein. Der Wechsel vom Überwachungs- und Betreuungsstaat, von Unmündigkeit, Versorgungsmentalität, Kollektivorientierung und Lokalismus hin zur Ichbezogenheit, Leistungsorientierung, Konsumanspruch und Kosmopolitismus gelang nach Frommer nur denjenigen, bei denen eine echte Integration von alten und neuen Identitätsanteilen stattfand. Bei ungenügender Identitätsbildung entwickelte sich jedoch kein einheitliches System. Das führte zu Problemen und Akkulturationskrisen und ist der Grund dafür, dass viele Ostdeutsche unter Stress, Verlust- und Ablehnungsgefühlen, Verwirrung, Angst, Empörung und Ohnmachtsgefühlen leiden. Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Literatur
1. Frommer F: Psychische Störungen durch globale gesellschaftliche Veränderungen. Zur politischen Traumatisierung der Bevölkerung in den neuen Bundesländern. Fortschr Neurol Psychiat 2002; 70: 418–428.
2. Bauer M, Priebe S, Häring B, Adamczak K: Long-term mental sequelae of political imprisonment in East-Germany. J Nerv Ment Dis 1993; 181: 257–262.
3. Leuzinger-Bohleber M, Garlichs A: Früherziehung West–Ost. Zukunftserwartungen, Autonomieentwicklung und Beziehungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen. Weinheim München: Juventa, 1993.
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