ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2003Westdeutschland: Zunahme des Antisemitismus

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Westdeutschland: Zunahme des Antisemitismus

PP 2, Ausgabe Februar 2003, Seite 74

Lenze, Susanne

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LNSLNS Rechtsextreme Einstellungen sind stark bildungsabhängig.
Eine deutliche Zunahme des Antisemitismus und der Verharmlosung des Nationalsozialismus gibt es in den alten Bundesländern. Dies ist für Prof. Dr. Elmar Brähler vom Universitätsklinikum Leipzig, Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, das bemerkenswerteste Ergebnis einer repräsentativen Umfrage zum Thema „Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland“.
Stimmten im Jahr 1994 etwa sieben Prozent der Westdeutschen der Aussage „Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß“ zu, so sind es 2002 etwa 31 Prozent der Alt-Bundesbürger, die das Statement für richtig halten. Ein Drittel aller Personen im Westen ohne Abitur stimmt dieser antisemitischen Aussage zu. Brähler verwies auf unterschiedliche Werte in den Altersklassen.
Ost-West-Unterschiede
Im April dieses Jahres wurden 1 001 Bundesbürger aus den neuen Ländern und 1 050 Menschen aus den alten Ländern zu den Komponenten Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus befragt. Alle sechs Bestandteile des rechtsextremen Einstellungspotenzials sind stark bildungsabhängig. „Personen mit höherer Bildung weisen diese Einstellungen in weit geringerem Maße auf als Personen mit niedriger Bildung“, ergänzte Brähler. Von den sechs Komponenten rechtsextremer Einstellungen, die in der Studie unterschieden wurden, sind in der Bevölkerung die Ausländerfeindlichkeit, der Chauvinismus und der Antisemitismus am stärksten verbreitet. „Die Umfrage fand noch vor der Friedman-Möllemann-Auseinandersetzung statt“, bemerkte Brähler.
Ost-West-Unterschiede zeigen sich vor allem in einer deutlich stärkeren Verbreitung antisemitischer und chauvinistischer Einstellungen in den alten Ländern und ausländerfeindlichen Einstellungen im Osten. Die wenigen Daten aus früheren Untersuchungen deuten darauf hin, dass sich die Einstellungen zu einer rechten Diktatur und die chauvinistischen Orientierungen im Zeitablauf nicht wesentlich verändert haben. Auch die Ausländerfeindlichkeit zeige über die Zeit hinweg keinen eindeutigen Trend und verharre auf hohem Niveau, so das Resümee der Studie.
Deutlich wurde auch, dass Frauen für diese Art von Einstellungen weniger empfänglich sind als Männer. Insbesondere bei den Befürwortern einer rechten Diktatur, des Chauvinismus, der Ausländerfeindlichkeit und der Verharmlosung des Nationalsozialismus zeigt sich eine größere Verbreitung bei den Älteren – älter als 60 Jahre –, vergleichsweise zu den mittleren Altersgruppen (31 bis 60 Jahre) und den Jüngeren (14 bis 30 Jahre).
„Die rechtsextremen Taten werden von jungen Menschen vollzogen, jedoch werden diese völlig gedeckt durch die ältere Generation mit rechtsextremen Einstellungen“, fügte Brähler hinzu. Bei Nachfrage „Wen würden Sie wählen, wenn morgen Wahlen wären?“ zeigt die Studie, dass unter der Anhängerschaft der verschiedenen politischen Parteien rechtsextreme Einstellungen unterschiedlich stark verbreitet sind. Zu beachten sei, dass die Aussagen über die kleineren Parteien wegen der geringen Fallzahlen vorsichtig zu interpretieren seien. Am geringsten ausgeprägt seien solche Einstellungen bei den Anhängern der Grünen, erklärte Brähler.
Die Studie war Teil einer Fragebogenerhebung zu sozial- und medizinpsychologischen Themen. Sie wurde im Zusammenhang eines geplanten medizinsoziologischen Projekts des Bundesministeriums für Bildung und Forschung im Auftrag der Universität Leipzig vorgenommen. Seit Oktober hat Brähler ein Verbundprojekt zum Thema „Einstellungen und Wissen zu kontroversen medizinischen und ethischen Fragen in der Reproduktionsmedizin und der Präimplantationsdiagnostik in Leipzig, Jena und Berlin“ gestartet. Susanne Lenze
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