ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2003Gutachterverfahren: Verpasste Chance
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LNSLNS Die von Rudolf und Schmut-terer zunächst herausgehobene Differenzierung zwischen latenter und induzierter Nach-frage nach Psychotherapie, so-wie die Notwendigkeit einer bedarfsgerechten und wirtschaftlichen Handhabung besteht sicherlich, gilt jedoch für die ganze Medizin und alle Sozialsysteme schlechthin. Sie einzig in der Psychotherapie zum Anlass einer Vorab-Prüfung und hier zusätzlich propagierten „Qualitätssichernden Therapiebegleitung“ (Beaufsichtigung) und somit Einschränkung der Therapiefreiheit heranzuziehen, erscheint willkürlich und unangemessen. Mir ist in meiner langjährigen ambulanten Therapietätigkeit bislang noch kein einziger so genannter „Wellnesspatient“ begegnet, denn hierfür ist die gesellschaftlich immer noch bestehende Angst- und Schamschwelle gegenüber psychischen Problemen viel zu hoch – mit der Auswirkung der bekannt langen Zeiträume bis zur angemessenen (Erst-)Diagnose und Behand-lung psychischer Störungen. Ebenfalls noch nicht begegnet ist mir die als „in vielen Fällen“ erwähnte Rückfrage der Gutachter zum konkreten Fall; allerdings, wie ich sagen muss, auch noch keine Ablehnung einer meiner zahlreichen Anträge. Die mir bisher untergekommenen Stellungnahmen waren in der weit überwiegenden Anzahl dürre, formelhafte, inhaltlich zusammenhang- und belanglose Anerkennungsbescheide in häufig erkennbarer Textbausteintechnik, bis hin zu aufgeklebten Vordrucken. Hieraus, wie im Artikel beansprucht, eine inhaltliche Stellungnahme zur, ja, Begleitung des Therapieprozesses zu generieren, die ich in respektvoller, kollegialer Art durchaus begrüßen könnte, erscheint mir dann doch anmaßend und die profunde Kritik aus der Untersuchung von Köhler sicher nicht entkräftend. Persönlich bin ich kein grundsätzlicher Gegner des Verfahrens, dass ich als, wenn auch aufwendige, Unterstützung meiner eigenen therapeutischen Urteilsbildung durchaus zu schätzen weiß. In der von den Autoren jedoch propagierten, einseitigen Ausrichtung als ein Instrument der Richtlinienüberwachung, wobei die Mitarbeit eines ausgewiesenen Richtlinienskeptikers wie Hohage verwundert, erscheint mir der Artikel wenig geeignet, den bei der überwiegenden Anzahl der „Betroffenen“ vorherrschenden Unmut über das Antragswesen in eine wohl begründete Akzeptanz zu wandeln. Dass die, als Gutachter im Gegensatz zu den Antragsstellenden wahrlich fürstlich honorierten, Autoren am Schluss noch eine weitere Aufblähung des Verfahrens und damit wachsende Anforderung in Form von Abschlussberichten propagieren, ohne die mittlerweile weithin anerkannte Notwendigkeit einer annäherungsweise angemessenen Honorierung zu erwähnen, komplettiert den Eindruck einer verpassten Chance, für ein zu Recht kontrovers diskutiertes, unzweifelhaft im Sinne der ihm Unterworfenen verbesserungsnotwendiges, aber im Kern doch womöglich sinnvolles Verfahren zu werben.
Dipl.-Psych. G. Schmitt, Innstraße 44, 12045 Berlin
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