ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2003Neuropsychologie: Mehr Forschung notwendig

WISSENSCHAFT

Neuropsychologie: Mehr Forschung notwendig

PP 2, Ausgabe Februar 2003, Seite 79

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Der „Bamberger Neuropsychologietag“ gab einen aktuellen Überblick der neuropsychologische Grundlagen psychischer Erkrankungen.

Schon seit geraumer Zeit werden Depressionen, Zwangs-, Affekt- und Angststörungen nicht mehr als ausschließlich psychisches Geschehen aufgefasst. Wissenschaften wie die Psychologie und die Medizin, aber auch technische Entwicklungen wie die bildgebenden Verfahren ermöglichten in den letzten Jahren genauere Erkenntnisse über die biologisch-physiologischen Grundlagen solcher Störungen. Eine Zusammenschau der aktuellsten Befunde bot der erste Bamberger Neuropsychologietag, der von der Abteilung für Physiologische Psychologie unter Leitung von Prof. Dr. Stefan Lautenbacher von der Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie (Leitung: Prof. Dr. Hans Reinecker) an der Universität Bamberg ausgerichtet wurde.
„Die neuropsychologischen Grundlagen bei affektiven Störungen sind lange vernachlässigt worden“, betonten Lautenbacher und Reinecker. Inzwischen hat sich jedoch etwas getan. So weiß man heute, dass Kognition und Emotion in enger Wechselwirkung stehen und weder theoretisch noch empirisch zu trennen sind. Die Erforschung der Neuro-
psychologie psychischer Erkrankungen dürfte nach Meinung von Lautenbacher deshalb nicht weiter aufgeschoben werden, denn sie könne dazu beitragen, diese Erkrankungen besser zu verstehen und effizienter medikamentös und psychotherapeutisch zu behandeln.
Panikstörungen, Soziale Phobien, Generalisierte Angststörungen
Der aktuelle Forschungsstand über die Neuropsychologie von Angststörungen und speziell von Panikstörungen lässt darauf schließen, dass neuropsychologische Defizite bei den Betroffenen selten vorkommen und meistens nur schwach ausfallen. Dennoch gibt es einige Auffälligkeiten. Verschiedene Studien wiesen eine erhöhte Sensitivität für relevante Reize, Beeinträchtigungen des expliziten, verbalen und visuellen Gedächtnisses sowie Aufmerksamkeits-probleme bei Patienten mit Panikstörungen nach.
Die wenigen systematischen Untersuchungen zu den neuropsychologischen Defiziten bei Patienten mit Sozialer Phobie lassen vermuten, dass kognitive Auffälligkeiten vorliegen. „Es ist jedoch noch weitgehend unklar, in welchem Funktionsbereich sie sich konzentrieren“, betonten Stefan Lautenbacher und Bernd Kundermann, Diplom-
Psychologe, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Marburg. Auch über die Prävalenz und Bedeutung kann noch nicht befunden werden. Ähnliches trifft für die neuropsychologischen Befunde bei Patienten mit
Generalisierter Angststörung zu: Darüber ist kaum etwas bekannt.
Untersuchungen zu Aufmerksamkeits- und Gedächtnisverzerrungen bei angstbezogenem Reizmaterial zeigen, dass klare Unterschiede zwischen den Patientengruppen bestehen. So werden Gedächtnisverzerrungen bei Patienten mit Panikstörung regelmäßig festgestellt. Bei Patienten mit Sozialen Phobien oder Generalisierten Angststörungen scheinen sie hingegen nicht aufzutreten. Panikpatienten verarbeiten darüber hinaus Reizmaterial mit bedrohlichem Inhalt anders als normal. Sie konzentrieren ihre Aufmerksamkeit darauf, sind ablenkbarer und enkodieren solches Material intensiver. Ihr Kurzzeitgedächtnis für dieses Material scheint überdurchschnittlich gut zu sein, was auf Kosten der Enkodierung konkurrierender Gedächtniselemente gehen kann. Patienten mit Generalisierten Angststörungen und Phobien weisen solche Besonderheiten in der Informationsverarbeitung kaum oder nicht auf.
Diese Befunde deuten auf Dysfunktionen im Amygdala-Hippocampus-Komplex mit Auswirkungen auf die Gedächtnisbildung und Informationsverarbeitung bei bedrohlichem Material hin. „Die gängige Behandlung von Angststörungen mit Benzodiazepinen wird im vorliegenden Zusammenhang zum Problem, weil diese Medikamentengruppe offenbar bevorzugt das Gedächtnis beeinträchtigt, sodass sich die neuropsychologischen Effekte der Störung und einer ihrer wichtigsten Therapien überlappen“, so Lautenbacher und Kundermann.
Depressionen und Manien
Auch bei Depressionen und Manien treten neuropsychologische Auffälligkeiten auf. Gängige Diagnostikmanuale berichten bei Major Depression oder einer depressiven Episode von einer verminderten Fähigkeit zu denken, sich zu konzentrieren, verringerter Wortflüssigkeit, verminderter Entscheidungsfähigkeit und Unentschlossenheit. „Bei Depression sind sowohl die gedächtnisbezogenen als auch die aufmerksamkeitsbezogenen Prozesse der Arbeitsgedächtnisleistung beeinträchtigt“, fasst der Psychologe Dr. Thomas Beblo, Zentrum für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, Krankenanstalten Gilead in Bielefeld, den aktuellen Erkenntnisstand zusammen.
Obwohl das neuropsychologische Profil manischer Patienten nur wenig erforscht ist, gibt es ebenfalls einige Auffälligkeiten, beispielsweise erhöhte Ablenkbarkeit, andauernder Wechsel von Aktivitäten oder Plänen, Ideenflucht und Gedankenrasen während einer manischen Episode. Neben verminderter Impulskontrolle, Reaktionsinhibition, Beeinträchtigungen des Gedächtnisses, der Aufmerksamkeit sowie visuoräumlicher und exekutiver Funktionen ist bei manischen Patienten eine große Breite unspezifischer Defizite zu beobachten.
Nicht alle, sondern nur etwa die Hälfte der Patienten mit affektiven Störungen zeigen neuropsychologische Auffälligkeiten. Dazu zählen beispielsweise bipolar Erkrankte, die bei einigen neuropsychologischen Funktionen deutlichere Defizite aufweisen als unipolar Erkrankte. Auch Patienten mit Diagnosen, die mehr oder zusätzliche psychopathologische Symptome voraussetzen, haben deutlichere neuropsychologische Beeinträchtigungen. Daneben sind auch viele ältere Patienten stärker beeinträchtigt, was bei ihnen aber nicht immer auf die affektive Grunderkrankung, sondern auf hirnorganische Veränderungen oder beginnende Demenz zurückzuführen ist. Es gibt Hinweise, dass ambulant behandelte Patienten mit affektiven Störungen weniger neuropsychologische Beeinträchtigungen zeigen als hospitalisierte Patienten.
Andere mögliche Ursachen, wie beispielsweise Motivationsdefizite oder Auswirkungen von antidepressiver Medikation und elektrokonvulsiver Therapie, tragen hingegen kaum dazu bei, neuropsychologische Defizite bei Depression zu erklären.
Verschiedene Studien weisen auf funktionelle und strukturelle hirnorganische Korrelate neuropsychologischer Auffälligkeiten bei Patienten mit affektiven Störungen hin. Insbesondere scheint es dabei zu Auffälligkeiten in Bereichen des präfrontalen Cortex, der Basalganglien und des temporalen Cortex zu kommen. Neuropsychologische Defizite gehen indessen nicht unbedingt auf hirnorganische, pathophysio-
logische Veränderungen zurück. „Der Schluss von einer gestörten Funktion auf eine organische Störung ist nicht ohne weiteres möglich“, betonte Beblo. Er weist darauf hin, dass neuropsychologische Beeinträchtigungen nur teilweise reversibel sind.
Zwangsstörungen
Auch Zwangsstörungen werden von neuropsychologischen Auffälligkeiten begleitet. So lassen sich spezifische Minderungen aus dem Bereich exekutiver und visuokonstruktiver Funktionen bei Zwangspatienten beobachten. Diese Defizite treten vor allem dann auf, wenn die Lösungswege bei komplexen zeitgebundenen Aufgaben selbst generiert werden müssen. Prof. Dr. Bernd Leplow, Verhaltenstherapeut und Leiter der Arbeitseinheit Klinische Psychologie, Psychotherapie und Biologische Psychologie an der Universität Halle, vermutet, dass solche strategischen Defizite, rechtshemisphärische Dysfunktionen und außerdem Störungen der kognitiven Inhibition, insbesondere der Unfähigkeit einer automatischen Unterdrückung von Intrusionen, für viele neuropsychologische Defizite verantwortlich sind. Hirn-
anatomische Untersuchungen weisen auf eine einseitige oder bilaterale Verkleinerungen der Nuclei caudatii hin. Sie führten aber insgesamt zu sehr uneinheitlichen Ergebnissen. Bildgebende Verfahren haben mehrheitlich einen Hypermetabolismus in den neuronalen Regelkreisen ergeben, die vom präfrontalen, insbesondere dem orbitofrontalen Cortex, zum Neostriatum ziehen. „Dieser Hypermetabolismus bildet sich sowohl nach pharmakologischer Intervention als auch durch verhaltenstherapeutische Psychotherapie wieder zurück“, erklärte Leplow.
„Die Neuropsychologie ist nicht bei jeder Krankheit relevant“, fasste Lautenbacher die Ergebnisse des Expertenaustauschs zusammen. Es dürfe daher nicht pauschal von neuropsychologischen Auffälligkeiten ausgegangen werden, sondern es müsse vielmehr nach Krankheiten unterschieden werden. Daneben moderiere eine Vielzahl an Variablen, wie Alter oder Schwere der Krankheit, den neuropsychologischen Befund. Da der Wissensstand über die Neuropsychologie einiger Krankheiten noch unbefriedigend ist, forderte Lautenbacher mehr Forschungsaktivitäten. Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Literatur
Lautenbacher S, Gauggel S (Hrsg.): Neuropsychologie psychischer Störungen. Berlin: Springer 2003.

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Stefan Lautenbacher
Universität Bamberg
Abteilung für Physiologische Psychologie
Markusplatz 3, 96045 Bamberg
Telefon: 09 51/8 63 18 51, Fax: 09 51/8 63 19 76
E-Mail: stefan.lautenbacher@ppp.uni-bamberg.de

Nächster Bamberger Neuropsychologie-Tag: 17. bis 19. Oktober 2003
Informationen unter: www.uni-bamberg.de/ppp/physiologie
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