ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2003Retrospektive: Theo, Adolf Hitler und das Bildnistabu

VARIA: Feuilleton

Retrospektive: Theo, Adolf Hitler und das Bildnistabu

PP 2, Ausgabe Februar 2003, Seite 84

Kraft, Hartmut

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Theo, „Attolf Hitler Als Bauer Aouf Dem Flelte Bei Der ArBeilt“ (1986) Aquarell und Bleistift auf Papier, 39,5 × 30 cm Foto: Stiftung Museum Schloss Moyland
Theo, „Attolf Hitler Als Bauer Aouf Dem Flelte Bei Der ArBeilt“ (1986) Aquarell und Bleistift auf Papier, 39,5 × 30 cm Foto: Stiftung Museum Schloss Moyland
Als Opfer des Nationalsozialismus ist Theo zugleich ein Paradebeispiel für die ungeheure Wirksamkeit nationalsozialistischer Propaganda.

Stellen Sie sich einmal vor, Sie sind erstmalig bei Bekannten eingeladen, betreten gut gelaunt das Haus Ihrer Gastgeber – und sehen sich einem Porträt von Adolf Hitler gegenüber – als Foto, als Zeichnung oder auch in Öl. Zwar gibt es kein Gesetz, das es verbieten würde, ein Bildnis des „Führers“ in einer Privatwohnung aufzuhängen, aber ein solches Bild würde unweigerlich Diskussionen auslösen, mehr noch: Es würde sich die Frage aufdrängen, ob Sie hier denn richtig seien, ob dies nicht nur ein sehr kurzer Besuch sein sollte.
Weniger befremdlich verliefe die Konfrontation in einem Museum. Hier wären wir durch Plakate vorinformiert, es gäbe ein kritisches Ausstellungskonzept mit erklärenden Texttafeln, einen Katalog
mit Hintergrundinformationen und Diskussionen. Allerdings wurde im Herbst 2002 die Eröffnung einer Dauerausstellung zum Thema „Nationalsozialismus in München“ im Münchner Stadtmuseum vorerst abgesagt – wegen der Gefahr einer „Devotionalienausstellung“ und einer „mangelhaften Kontextualisierung“.
Bild und Sprachtabus
In diesem Kontext stehen die Zeichnungen von Theo. Im zeichnerischen Werk des Künstlers, der in der Öffentlichkeit nur unter seinem Vornamen bekannt ist, nehmen Hitlerbildnisse in Häufigkeit und Bedeutung den ersten Platz ein. Daneben existieren einige Bildnisse anderer Nazi-Größen wie zum Beispiel Hermann Göring. Diese Zeichnungen sind zwischen 1978 und 1994, also erst Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, entstanden. Sind es die Bilder eines Unverbesserlichen? Oder sind es, ganz im Gegenteil, subversive
Stellungnahmen eines Künstlers zu untergründig faschistischen Tendenzen in unserer Gesellschaft?! Und wer – so muss nun gefragt werden – stellt Dutzende dieser Hitlerbilder im Jahr 2003 in einem großen Saal des renommierten Museums Schloss Moyland bei Kleve aus?! Ist dort ein abstruser Heldensaal entstanden, ein Schauplatz einer ebenso verspäteten wie verfehlten Idolatrie?
Die vordergründig oft freundlich dreinblickenden Gesichter erschrecken spätestens, wenn der Betrachter die Textfragmente liest, in denen sich die typische Nazipropaganda widerspiegelt. Diese Bilder und Texte rühren an Bild- und Sprachtabus, also an gruppen- und kontextspezifische Meidungsgebote, deren Übertretung mit Ausschluss aus der Gemeinschaft bedroht ist (Kraft 2000, Parin 2001). Dass diese Meidungsgebote/Tabus zumeist auch auf ihr Gegenteil, auf einen abgewehrten Wunsch, ein verbotenes Begehren, eine verschwiegene Faszination verweisen, hat bereits Sigmund Freud in seiner Arbeit „Totem und Tabu“ herausgearbeitet. Freud spricht deshalb vom Tabu als „Kompromisssymptom eines Ambivalenzkonflikts“ (Freud 1912/
1913). Kein Zweifel: Für eine immer wieder erwachende neonazistische Szene gelten Hitlers Bildnis und seine Ideen nach wie vor als vorbildhaft. Hakenkreuz und Hitlerbild genießen Kultstatus. Tabuisierungen und, wo dies nicht reicht, juristisch formulierte Straftatbestände (zum Beispiel „Auschwitz-Lüge“) sind Reaktionen der politischen Mehrheit auf die ambivalenten Tendenzen in der Gesellschaft.
Spärliche Angaben zur Biografie
Eine adäquate Rezeption von Kunstwerken setzt bekanntlich die sorgfältige Befragung ihrer Entstehungsbedingungen voraus.
Theo wurde 1918 in Stolberg bei Aachen als jüngstes von fünf Kindern geboren und starb 1998 in Kevelaer. Zwischen diesen nüchternen Daten liegt ein Leben, über das wir nur spärliche Angaben besitzen. Abgesehen von einer genuinen zeichnerischen Begabung, beherrschte Theo die Orthographie offensichtlich nur mangelhaft. Dass er zeitlich (zumindest grob) orientiert war, entnehmen wir einer Zeichnung zum 100. Geburtstag von Adolf Hitler 1989. Es gibt Unterlagen, die belegen, dass Theo an einer Minderbegabung und einer Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis litt, die möglicherweise schon früh (1930) im Zusammenhang mit einem seelischen Schock manifest wurde. Theo soll damals beim Schmuggeln von Lebensmitteln über die holländische Grenze von Zöllnern erwischt worden sein. Man habe auf ihn geschossen – oder Hunde auf ihn gehetzt. In der Folgezeit soll Theo sich immer mehr in seine eigene Welt zurückgezogen und kaum noch gesprochen haben. Er bedurfte der Hilfe. Nach Aufenthalten in Kliniken und auf einem Bauernhof wurde Theo 1977 in ein Pflegeheim am Niederrhein aufgenommen, wo er bis zu seinem Tod 1998 seinen letzten Lebensabschnitt verbrachte – nicht weit von dem Ort, an dem nun seine Zeichnungen in einer Retrospektive gezeigt werden.
Theo, „Hermann Görring“ (1986), Blei- und Buntstift auf Papier, 50 × 37 cm Foto: Eberhard Hahne
Theo, „Hermann Görring“ (1986), Blei- und Buntstift auf Papier, 50 × 37 cm Foto: Eberhard Hahne
Theos Werk ist der „Art brut“ oder auch der „Outsider-Art“ zuzuordnen – oder wie immer man diese heterogene Gruppe von Kunstwerken psychiatrisch erkrankter Menschen nennen mag. Es bedurfte eines langwierigen Rezeptionsprozesses, bevor der „Bildnerei der Geisteskranken“ (Prinzhorn 1922) Schritt um Schritt in einigen Fällen der Rang von Kunstwerken zuerkannt wurde (Übersicht zum Beispiel bei Kraft 1998). Obwohl manche dieser Werke heutzutage auf dem Kunstmarkt hoch gehandelt werden (beispielsweise Adolf Wölfli, Johann Hauser – auch Theo), finden diese Bilder nach wie vor nur selten Aufnahme in die Museen moderner Kunst. Ihre größte Gegenüberstellung mit weltberühmten Werken der Avantgarde des 20. Jahrhunderts hatten sie – bekanntlich allerdings in diffamierender Absicht – in der Wanderausstellung „Entartete Kunst“, die 1937 in München startete. Im „Ausstellungsführer“ zu dieser Präsentation finden sich auf vier von 16 Abbildungsseiten Patientenarbeiten aus der Prinzhorn-Sammlung in Heidelberg (Barron 1992).
Identifikation mit dem Aggressor
Vor diesem Hintergrund erhalten die Hitlerbildnisse von Theo einen anderen Stellenwert, als dies bei einer ersten Begegnung angenommen werden konnte. Theo vergewissert sich in seinen Bildern – so drängt es sich dem Betrachter auf – immer wieder seiner Beziehung zu einem gütig dreinblickenden Führer. Er folgt dessen Ideologie, sie hat ihn geprägt.
In den Hitlerbildnissen eine idealisierte Vaterfigur zu erblicken liegt nahe, auch wenn dies sich aufgrund lückenhafter biografischer Daten kaum beweisen lässt.
Und der andere Teil der Person Adolf Hitlers, derjenige, der flammende Reden hielt, der von der „Ausmerzung lebensunwerten Lebens“ sprach, der psychiatrische Patienten nicht nur sterilisieren, sondern häufig auch umbringen ließ? Theo selbst wurde bereits 1933 sterilisiert, und nur dem Eingreifen eines befreundeten Arztes der Familie soll es zu verdanken sein, dass Theo vor der Gaskammer gerettet wurde. Dieser Angst machende Teil wurde, darauf weisen die lächelnden Gesichter hin, in den Hintergrund gedrängt oder durch eine „Identifikation mit dem Aggressor“ – also durch Übernahme der Nazi-Ideologie – von Theo entschärft.
Entrüstete Ablehnung
Was also geschieht, wenn wir bei dem eingangs vorgestellten Besuch in einer fremden Wohnung oder in einer Museumsausstellung auf Hitler-Bilder von Theo treffen? Wäre ein Abbildungs-, Präsentations- oder Ausstellungstabu berührt? Wohl kaum. Gerade ein Künstler wie Theo kann das nach wie vor gültige und nur mit großer Umsicht („Kontextualisierung“) zu handhabende Meidungsgebot in sehr direkter Weise übertreten. Als Opfer des Nazi-Regimes ist er zugleich auch ein Paradebeispiel für die ungeheure Wirksamkeit nationalsozialistischer Propaganda. Seine Jahrzehnte nach dem Untergang des Dritten Reiches gezeichneten Göring- und vor allem Hitlerporträts sind ein Beweis für die erfolgreiche Arbeit der NSDAP am Führer-Mythos: Dieser wirkte gegebenenfalls selbst bei denen, die von Hitler mit dem Tode bedroht wurden! Die auf Hitler gerichtete Sehnsucht breiter Schichten der deutschen Bevölkerung, die Begeisterung für den Ver-Führer – wo lassen sich diese Themen derzeit besser und zugleich kritischer erinnern und reflektieren als vor den Zeichnungen von Theo?
Eine Tabuisierung, ja eine entrüstete Ablehnung dürften diese Bilder allerdings in den Kreisen der Neonazis erfahren. Welcher in Idolatrie befangene Anhänger dieser politischen Ausrichtung möchte sich ein Hitlerbildnis aus der Hand eines psychiatrischen Patienten an die Wand hängen?! Theo, so würde es heißen, das war doch ein Irrer, dessen Bilder der Führer allenfalls in die Ausstellung „Entartete Kunst“ gesteckt hätte! So schließt sich der Kreis unversehens: Das Abgewehrte, das Tabuisierte, das brutal Ausgestoßene hat Adolf Hitler höchstpersönlich in Gestalt von Theos Führerbildnissen eingeholt! Dr. med. Hartmut Kraft

Literatur
Barron St: „Entartete Kunst“ – Das Schicksal der Avantgarde im Nazi-Deutschland. Hirmer, München, 1992.
Freud S: Totem und Tabu (1912/1913). Sigmund Freud Studienausgabe, Band 9. Fischer, Frankfurt, 1974.
Kraft H: Grenzgänger zwischen Kunst und Psychiatrie. DuMont, Köln, 1998.
Kraft H: Tabu. In: Mertens W und Waldvogel B (Hrsg.): Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe. Kohlhammer, Stuttgart, Berlin, Köln, 2000.
Parin P: Wer richtet ein Tabu ein und zu welchem Zweck? In: Ethnopsychoanalyse 6 – Forschen, erzählen und reflektieren. Brandes & Apsel, Frankfurt, 2001.
Prinzhorn H: Bildnerei der Geisteskranken. Springer, Heidelberg, 1922.


Die Ausstellung „Theo – eine Retrospektive“ ist im Museum Schloss Moyland, Am Schloss 4, 47551 Bedburg-Hau, vom 9. Februar bis 26. April zu sehen. Telefon: 0 28 24/ 95 10 60. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.
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