ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2003Basales Verstehen. Handlungsdialoge in Psychotherapie und Psychoanalyse

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Basales Verstehen. Handlungsdialoge in Psychotherapie und Psychoanalyse

PP 2, Ausgabe Februar 2003, Seite 86

Heisterkamp, Günter

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Psychoanalyse
Der Therapeut wird mitbehandelt
Günter Heisterkamp: Basales Verstehen. Handlungsdialoge in Psychotherapie und Psychoanalyse. Pfeiffer bei Klett-Cotta, Stuttgart, 2002, 271 kartoniert, 22 €
Fundamental ist für Günter Heisterkamp, dass neben dem sprachlichen Text der „Redekur“ und Deutungskunst der verbalen Psychoanalyse sehr viel Averbales vor sich geht. Dies wird auch zunehmend von der Analyse entdeckt, jedoch mit nur geringen therapeutischen Konsequenzen. Er zeigt das an vielen Beispielen und unterscheidet den objektivierenden, diagnostischen Blick des Analytikers von dem mehr auf Interaktion ausgerichteten Verhalten des analytischen Körperpsychotherapeuten.
Während das ideale Set- ting für den Analytiker der ruhig daliegende Patient ist, der seine Aufmerksamkeit auf seine Gefühle und deren Ausdrucksfähigkeit richtet, erweitert Heisterkamp das Setting, überlässt dem Patienten sogar die Wahl des Ortes im Raum und seiner Haltung. Schließlich nimmt er gegenüber dem so genannten Agieren eine andere Haltung als die klassische Psychoanalyse ein. Inzwischen wird von vielen Analytikern erkannt, dass viele Patienten Störungen im averbalen Bereich haben. Das heißt, sie haben sprachlich keinen Zugang zu ihren Konflikten und Traumatisierungen, sodass der Therapeut auf Handlungsmitteilungen angewiesen ist.
Der analytische Körperpsychotherapeut sollte nicht nur diagnostisch und symbolisch denken und fühlen und dies dem Patienten mitteilen, sondern er sollte „leibseelisch“ reagieren. Das ist eine Kunst, die er erst entwickeln muss, um seine Gegenübertragung um die szenisch-körperliche anzureichern. Er merkt auf, „wenn er flacher oder tiefer zu atmen beginnt, . . . wenn Schwindelgefühle oder Ohrengeräusche auftauchen, wenn er müde oder wach wird. . .“. Zum Glück ist der Analytiker nicht bei jedem Patienten auf diese Fülle von Wahrnehmungen angewie-sen, sondern vorwiegend bei solchen, die die drängenden, unbewussten Inszenierungen an ihn herantragen. Man kann dann davon ausgehen, dass schon der frühe Mutter-Kind-Dialog entgleist ist und dass unbewusste Bemächtigung und Manipulation die letzten Mittel der Kontaktsuche sind. Sehr gelassen geht Heisterkamp mit den Vorwürfen der klassischen Psychoanalyse um, Berührung führe zwangsläufig zur Sexualisierung der Beziehung oder sei Verwöhnung und illusionäre falsche Mütterlichkeit. Er weiß, dass konkreter Halt den Wiederbeginn der seelischen Strukturbildung oft erst ermöglicht und dass Berührung den vielbeschworenen Prozess der Trauer vertiefen kann.
Wenn sich der Therapeut mit seinem Körper den gestörten unbewussten Interaktionsformen aussetzt, ist das etwas anderes, als wenn er hinter der Couch sitzt und mit „gleichschwebender Aufmerksamkeit“ (Freud) die verborgenen Affekte und verbalisierbaren Übertragungen durchfühlt und durchdenkt. Deshalb betont der Autor immer wieder, dass der Therapeut unweigerlich „mitbehandelt“ wird, ,,weil er in die Szenen mit mindestens einem Bein einsteigt und sich gelegentlich im Rollenspiel auch zur Verfügung stellt. Heisterkamp hat nicht nur viel Literatur verarbeitet, sondern schöpft aus seiner langjährigen therapeutischen Erfahrung und Supervisionstätigkeit sowie aus dem freimütigen Umgang mit Erlebnissen in eigenen Analysen. Tilmann Moser
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