ArchivDeutsches Ärzteblatt42/1996Rehabilitation: Überlegungen des Simplicius Simplicissimus Auswirkungen auf die Gegenwart?

VARIA: Post scriptum

Rehabilitation: Überlegungen des Simplicius Simplicissimus Auswirkungen auf die Gegenwart?

Dtsch Arztebl 1996; 93(42): [44]

Engel, J.

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LNSLNS Den größten deutschen Roman des 17. Jahrhunderts verdanken wir Johann Jakob Christoffel von Grimmelshausen. 1669 erschien sein Entwicklungsroman "Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch" in fünf Büchern. Es wird das Schicksal eines "dummen Toren" in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges erzählt. Er lebt zunächst als Simplicius bei einem Einsiedel, gelangt später an den Hof des Kommandeurs von Hanau, wo er, als Kalb verkleidet, den Hofnarren spielen muß. Im weiteren Verlauf treibt er als "Jäger von Soest" sein räuberisches Unwesen. Nach ausgedehnten Reisen verbringt er seinen Lebensabend als Einsiedler.
Haerkötter nennt das Werk "ein Buch voller Lebenserfahrungen, tiefem Einblick in menschliches Denken und Handeln und den Lauf der Welt". Dennoch ist es überraschend, bereits im Zeitalter absolutistischer Herrscher Hinweise zu finden auf Kur- und Badewesen, die Urgestein heutiger Diskussion und Kritik am Kur- und Rehabilitationswesen sein könnten, gerade so als wären die Gedanken des Simplicius Simplicissimus von Generation zu Generation weitergegeben worden.
Im fünften Buch, drittes Kapitel, berichtet der Romanheld, daß er nach Baden, einer schweizerischen Stadt im Aargau an der Limmat, ging, um dort den Winter zu verbringen. Doch lassen wir Simplicius selbst erzählen: "Ich dingte da selbst eine lustige Stube und Kammer für uns, deren sich sonsten, sonderlich Sommerszeit, die Badgäst zu gebrauchen pflegen, welches gemeiniglich reiche Schweizer sind, die mehr hinziehen sich zu erlustieren und zu prangen, als Gebrechen halber zu baden."
Scheinbar ist das Problem der Überinanspruchnahme von Leistungen zur Rehabilitation Grimmelshausen schon bekannt gewesen, als er dies niederschrieb und es noch lange keine Sozialversicherung gab.
Im elften Kapitel belauscht Simplicius das Gespräch zweier Badegäste, die sich über die damaligen Mediziner auslassen.
". . . ich danke meinem Gott, daß er mir nicht mehr überflüssig Geld beschert hat, als ich vermag; denn hätte mein Doktor noch mehr hinter mir gewußt, so hätte er mir noch lang nicht in Sauerbrunnen geraten, sondern ich hätte zuvor mit ihm und seinen Apothekern, die ihn deswegen alle Jahre schmieren, teilen müssen, und hätte ich darüber sterben und verderben sollen; die Schabhäls raten unsereinem nicht eher an so einen heilsamen Ort, sie getrauen denn nit mehr zu helfen oder wissen nichts mehr an einem zu rupfen . . ."
Weiter läßt sich Simplicius nicht aus, da er befürchtet, "die Herrn Medici möchten ihm sonst feind werden".
Dr. med. H. J. Engel
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