ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2003Suizidforen im Internet: Ernst zu nehmende Beziehungen

POLITIK

Suizidforen im Internet: Ernst zu nehmende Beziehungen

Dtsch Arztebl 2003; 100(7): A-370 / B-325 / C-311

Dlubis-Mertens, Karin

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Szene aus „Tatort – Tausend Tode“. Der Krimi veranschaulichte die Manipulationsmöglichkeiten von Suizidforen. Ein suizidwilliges Mädchen wird zum gemeinsamen stilisierten Tod in den See gelockt. Foto: SWR
Szene aus „Tatort – Tausend Tode“. Der Krimi veranschaulichte die Manipulationsmöglichkeiten von Suizidforen. Ein suizidwilliges Mädchen wird zum gemeinsamen stilisierten Tod in den See gelockt. Foto: SWR
Jugendliche verabreden sich zunehmend online zum gemeinsamen Suizid. Ärzte und Psychotherapeuten diskutieren noch über Formen der Intervention.

Ein 25-jähriger Norweger und eine 17-jährige Österreicherin verabredeten sich via Internet und sprangen von einem Felsen in Norwegen gemeinsam in den Tod. In Deutschland konnte ein im Netz angekündigter Sprung zweier Jugendlicher vom Dortmunder Fernsehturm im letzten Moment verhindert werden. Suizidverabredungen in Internetforen, aber auch Online-Hinweise auf den eigenen Suizid oder Chatroom-Diskussionen über die effektivste Methode, sich das Leben zu nehmen, müssen sehr ernst genommen werden in ihrem Einfluss auf junge Computernutzer. Dies erklärte Prof. Dr. med. Armin Schmidtke, Würzburg, während des Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde in Berlin.
Die Beobachtung eines Suizidforums über ein Jahr deute auf ähnliche Nachahmungseffekte hin, wie sie auch nach der Berichterstattung über Suizidfälle in den Print- und Rundfunkmedien vorkommen: „Bis zu sechs Personen an einem Tag“ melden sich in Folge, wenn ein Online-User mit der Suche nach einem Suizidpartner angefangen hat. Die Gefahr sieht Schmidtke vor allem darin, dass „bei Jugendlichen der Eindruck eines adäquaten Problemlösungsverhaltens entstehen könnte“. Schließlich ist der Suizid bei jungen Menschen zwischen 15 und 29 Jahren die zweithäufigste Todesursache nach Unfällen. Andererseits könne „der anonyme Austausch von Suizidfantasien im Internet eine emotionale Entlastung“ sein, weil Suizid noch immer ein gesellschaftliches Tabu darstelle.
Noch nicht untersucht ist, inwieweit die Teilnahme an einer Internetdiskussion dazu führen kann, dass sich der Betroffene auch professioneller Hilfe zuwendet. In den USA werde bereits Psychotherapie im Netz angeboten, in der Regel kognitive Verhaltenstherapie, berichtete Schmidtke. In Deutschland diskutiere man, ob die Kontaktaufnahme per Computer ein niedrigschwelliger Einstieg für eine „normale“ Psychotherapie sein könne oder ob auch eine komplette Internettherapie möglich sei. Denn häufig entscheiden sich Betroffene nicht frei dafür, ihrem Leben ein Ende zu setzen, sondern befinden sich in einer psychischen Notsituation.
Als ein Hauptgrund für die jährlich 11 000 bis 12 000 Suizide in Deutschland gelten unbehandelte Depressionen. Obwohl es gute Behandlungsmöglichkeiten gebe, erhielten nur zehn Prozent aller an einer Depression Leidenden eine Therapie, die dem aktuellen Forschungsstand entspreche, betonte Prof. Dr. med. Ulrich Hegerl, München. „Eine verbesserte Versorgung depressiver Patienten ist ein wichtiger Beitrag zur Suizidprävention.“
Mit 26 Projekten werde im Kompetenznetz „Depression/Suizidalität“ versucht, gegen die große Volkskrankheit anzugehen. Neben ausführlicher Information wird im Internet ein Diskussionsforum für Betroffene angeboten, das professionell betreut wird. Es soll erreicht werden, „dass akut Suizidgefährdete von der Notwendigkeit eines Arztbesuches überzeugt werden“. In bisher drei Fällen musste über die Polizei versucht werden, den Computerstandort zu ermitteln, um der Person direkt Hilfe anzubieten.
Mit dem Ziel, Informationen und Hilfsangebote breit zu streuen, startete im Kompetenznetz das Projekt „Nürnberger Bündnis gegen Depression“. „Depression hat viele Gesichter“ lautete das Motto für das Aktions- und Aufklärungsprogramm zwei Jahre lang, welches regional zu einer Reduktion der Suizide um 25 Prozent und der Suizidversuche um 21 Prozent geführt hat. Vor allem bei älteren Menschen konnten Suizide verhindert werden. Nachfolgeprojekte in anderen Regionen werden zurzeit vorbereitet.
Ein anderer Weg, Fachinformationen zu den Ursachen einer Lebensmüdigkeit zu vermitteln, bestehe darin, Internetteilnehmer wie auch Forenmaster zu Informationstreffen einzuladen. Welche intensiven Beziehungen allein über das Internet möglich sind, konnten Experten bei einer ersten persönlichen Zusammenkunft von 25 Internet-Nutzern lernen. Schwierig kann es allerdings sein, an jene Anbieter von Suizidforen heranzukommen, die jede professionelle Einmischung vonseiten der Psychotherapie und Psychiatrie ablehnen. Karin Dlubis-Mertens

Informationen im Internet:
www.buendnis-depression.de
www.kompetenznetz-depression.de
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