ArchivDeutsches Ärzteblatt6/1996Rückblick nach 20 Jahren: Systematische fachübergreifende Ermittlung des Fortbildungsbedarfs Idee und Aufgabe –Verwirklichung und Entwicklung des Interdisziplinären Forums der Bundes­ärzte­kammer „Fortschritt und Fortbildung in der Medizin“

THEMEN DER ZEIT: Aufsätze

Rückblick nach 20 Jahren: Systematische fachübergreifende Ermittlung des Fortbildungsbedarfs Idee und Aufgabe –Verwirklichung und Entwicklung des Interdisziplinären Forums der Bundes­ärzte­kammer „Fortschritt und Fortbildung in der Medizin“

Dtsch Arztebl 1996; 93(6): A-303 / B-242 / C-229

Odenbach, Erwin

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LNSLNS Das "Forum" fand in diesem Jahr zum zwanzigsten Mal statt. Im Oktober 1976 veranstaltete die Bundes­ärzte­kammer (BÄK), die bis dahin vor allem mit internationalen Fortbildungskongressen hervorgetreten war, erstmals diesen neuartigen Fortbildungskongreß. Die Initiative ging wesentlich vom Verfasser dieses Artikels aus, der seinerzeit die BÄK-Abteilung für Die Idee einer systematischen, objektivierbaren und regelmäßigen, über die einzelnen Disziplinen hinausgehenden Klärung von neuen Erkenntnissen, die als Schwerpunkte über die Fortbildung allen Ärzten bekannt sein sollten, auch wenn sie selbst nicht auf dem Gebiet solcher Neuerkenntnisse tätig würden, führte vor gut zwanzig Jahren zu dem Konzept einer jährlichen interdisziplinären Zusammenkunft, bei der die einzelnen Fachdisziplinen die Möglichkeit hätten, über solche Neuerkenntnisse zu berichten, die nach der Meinung der Fachexperten so weit entwickelt wären, daß sie über die Fortbildung an die Ärzteschaft in Krankenhaus, Praxis, Betriebsmedizin und öffentlichem Gesundheitsdienst weitervermittelt werden sollten. Die Wissenschaftlichen Gesellschaften sollten jährlich um Vorschläge gebeten werden, die dann daraufhin geprüft werden sollten, welche über die neue interdisziplinäre Veranstaltung von den für die Fortbildung verantwortlichen Mandatsträgern nach Prüfung auf ihre Fortbildungsrelevanz als Fortbildungsschwerpunkt herausgehoben und über die Fortbildung an alle Kolleginnen und Kollegen weitervermittelt werden sollten. Idee und Konzept hat der Autor dann mit dem damaligen, langjährigen Vorsitzenden des Wissenschaftlichen Beirats, Professor Dr. Friedrich Loew, aber auch mit dem damaligen Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer, Professor Dr. Hans Joachim Sewering, und dem damaligen Hauptgeschäftsführer, Professor J. F. Volrad Deneke, besprochen. Ohne die spontane Zustimmung und intensive Förderung dieser drei Persönlichkeiten wäre es kaum zum Inter-disziplinären Forum "Fortschritt und Fortbildung in der Medizin" gekommen.


Verbindung zu den Fachgesellschaften
Auf die Einladung der Wissenschaftlichen Medizinischen Gesellschaften um Vorschläge für entsprechende Themata war die Resonanz zum Teil recht ablehnend, wurde doch von wesentlichen Persönlichkeiten befürchtet, es gehe um eine Konkurrenz zu den Wissenschaftlichen Jahresveranstaltungen der traditionsreichen Fachgesellschaften. In einem Gespräch, das der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, der Hauptgeschäftsführer und der Autor mit dem damaligen Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), Professor Dr. Hans Kuhlendahl, und dessen Stellvertreter, dem späteren Präsidenten der AWMF, Professor Dr. Karl-Heinz Vosteen, in Köln hatten, konnten aber die Schwierigkeiten weitgehend beseitigt werden.
Die Bundes­ärzte­kammer hatte am 31. Oktober 1975 zum er-sten "Interdisziplinä-ren Zentralkongreß ,Fortschritt und Fortbildung in der Medizin'" in Köln eingeladen und die Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften zu einer eingehenden Besprechung über den Programmablauf des Kongresses für den 24. und 25. Januar 1976 nach Bad Godesberg gebeten. Das Gespräch wurde von Professor Deneke eröffnet und von Professor Dr. Loew geleitet, der den Autor bat, die Idee und die Aufgabe des geplanten interdisziplinären Kongresses darzustellen und die Vorarbeiten zu schildern. Aus dem prominenten Kreis von über 30 Vertretern Wissenschaftlicher Medizinischer Fachgesellschaften seien nur genannt: Professor Dr. H. E. Bock, Professor Dr. K. Kremer, Professor Dr. R. Gross, Professor Dr. K. Junghanns, Professor Dr. W. Kreienberg, Professor Dr. K. G. Ober, Professor Dr. H. Valentin, Professor Dr. H. H. Wieck.
Erfreulicherweise wurden nach Vorschlag der Änderung des Arbeits-titels "Zentralkongreß" in "Forum" die Bedenken seitens der Repräsentanten Wissenschaftlicher Fachgesellschaften ausgeräumt. So kam es in Godesberg zu einer intensiven und fruchtbaren Diskussion über einen möglichst sinnvollen Ablauf der vorgesehenen Veranstaltung. Das 1. Interdisziplinäre Forum fand vom 13. bis 16. Oktober 1976 in Köln statt. In den vergangenen 20 Jahren wurden 140 Themen von 140 Moderatoren, 621 Referenten und 519 geladenen Diskussionsgästen (als Podiumsteilnehmer) behandelt. Sehr bald bewies das Interdisziplinäre Forum, daß es keine Konkurrenzveranstaltung für die Wissenschaftlichen Gesellschaften war. Die Zusammenarbeit mit ihnen entwickelte sich ausgezeichnet. Jährlich werden seither mit positiver Resonanz alle Wissenschaftlichen Gesellschaften um Nennungen von Themata und Mitwirkenden gebeten, wobei schon bei der Anfrage ebenso wie bei der Information der Moderatoren und der Referenten folgender Fragenkatalog vorgelegt wurde:
¿ Was ist neu?
À Was hiervon ist für die praktische Medizin wichtig?
Á Ist Prävention möglich?
 Welche Methoden sind diagnostisch/therapeutisch obsolet?
à Welche alten Methoden sind zu Unrecht vergessen?
Ä Welche Fehler werden erfahrungsgemäß häufig gemacht?
Å Möglichkeiten (Stand) der Qualitätssicherung?
Æ Über welche nicht praxisrelevanten neuen Entwicklungen muß der niedergelassene Arzt trotzdem informiert werden?
Ç Wie ist das Kosten-Nutzen-Verhältnis der empfohlenen beziehungsweise verglichenen Diagnostik- und Therapie-Verfahren?
È Was muß deshalb dringend über die Fortbildung weitergegeben werden?
Die den Referaten folgende Diskussion mit dem Plenum hat sich in den weitaus meisten Fällen als wichtig herausgestellt, weil nämlich sowohl von den Fortbildungsmultiplikatoren, die die wesentliche Zielgruppe des Interdisziplinären Forums sind, wie auch von den fortbildungsinteressierten Ärzten aller Bereiche, die am Forum teilnehmen, entweder Fragen zur Klärung oder aber zur Relevanz und Realisierung und gelegentlich auch zu den Kosten gestellt werden. In dem jährlich erscheinenden Berichtsband über das Interdisziplinäre Forum sind deshalb auch diese Diskussionen enthalten, nicht nur die Referate. Die Zusammenfassungen der Themenbehandlung der Moderatoren sind sowohl während der Veranstaltung als auch im Berichtsband von Bedeutung. Mit der Sammlung der Berichtsbände besteht eine Übersicht über die moderne Medizin, die zu konsultieren nach Meinung vieler sehr nützlich ist. Der Inhalt der Berichtsbände "Fortschritt und Fortbildung in der Medizin" ist weltweit über medizinische Datenbanken abrufbar. Die einzelnen Bände sind bei der Bundes­ärzte­kammer erhältlich.


Markt für Fortbildung
Professor Loew hat das Interdisziplinäre Forum gerne auch als "Markt für die Fortbildung" bezeichnet, weil die Fortbildungsmultiplikatoren, also diejenigen Kolleginnen und Kollegen, die in ihrem jeweiligen Bereich für die Gestaltung der Fortbildungsarbeit und die Wahl der Fortbildungsthemata verantwortlich sind, Themen und Referenten kennenlernen können. Die Beteiligung der Medizinjournalisten war von Anfang an beim Interdisziplinären Forum gegeben. Von 1980 an waren auch die Prüfärzte der Kassenärztlichen Vereinigungen regelmäßig beteiligt, um bei vielen Kritiken an Regressen durch die Teilnahme am Interdisziplinären Forum auch zu wissen, was nach dem derzeitigen Stand der Medizinischen Wissenschaft zu wissen wichtig und auch abseits hochspezialisierter Einrichtungen anzuwenden sinnvoll ist.
Von 1960 an hat der Autor – anfangs als Delegierter, später als Vorstandsmitglied der Bundes­ärzte­kammer – an allen Deutschen Ärztetagen teilgenommen. Dabei ist ihm immer wieder negativ aufgefallen, wie sehr Aufgaben und Ablauf der Deutschen Ärztetage von der breiten Presse mißverstanden wurden. Journalisten erwarten zumeist von einem Deutschen Ärztetag wesentliche Anstöße für eine Verbesserung der ärztlichen Versorgung. Verständlich ist, daß lange Debatten über Einzelheiten der Berufsordnung, der Weiter­bildungs­ordnung, der Gebührenordnung und mancher Interna, die auf der "Haupt­ver­samm­lung" einer solch umfassenden Organisation notwendig sind, von Außenstehenden nicht verstanden werden. Von der Spitzenorganisation der Ärzteschaft erwarten Laien in erster Linie sie selbst vorrangig betreffende Themata. So sah und sieht der Autor in den Interdisziplinären Foren – und in den 20 Jahren ihres bisherigen Verlaufs – einen bedeutsamen Kontrapunkt zum Deutschen Ärztetag, wo die Bundes­ärzte­kammer ganz unabhängig von jedem "Eigeninteresse" der Ärzte eine patientenbezogene, medizinische Thematik nach dem obengenannten Fragenkatalog abhandelt, um dann durch Festsetzung der Schwerpunkte ärztlicher Fortbildung wichtige Neuerkenntnisse über die Fortbildung dem Patienten zugute kommen zu lassen.
Auch zur Harmonisierung des Verhältnisses zwischen Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften und Ärztekammern, zwischen der Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlicher Medizinischer Gesellschaften und der Bundes­ärzte­kammer hat das Interdisziplinäre Forum "Fortschritt und Fortbildung in der Medizin" im Laufe der Jahre wesentlich beigetragen. Zum Abschluß ist es dem Autor eine tiefempfundene Verpflichtung, ganz besonders Herrn Professor Dr. F. Loew für die ununterbrochene Förderung und Zusammenarbeit für das "Forum" zu danken sowie Frau H. Verheggen für die Arbeit bei Vorbereitung und Durchführung der Interdisziplinären Foren sowie Herausgabe des Berichtsbandes über die Veranstaltungen. Ohne ihr außergewöhnliches Engagement wären wir nicht ausgekommen.


Anschrift des Verfassers:
Dr. med. P. Erwin Odenbach
Arzt für Neurologie und Psychiatrie
Hauptgeschäftsführer der BÄK a. D.
Kapellenstraße 24, 50997 Köln

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