ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2003Sprachliches: Neusprech im dritten Millennium

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Sprachliches: Neusprech im dritten Millennium

Dtsch Arztebl 2003; 100(7): A-390

Grundmann, Eberhard

Gedanken zum Sprachverfall:
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LNSLNS George Orwell sagte Ende der 40er für 1984 voraus, was eine Regierung dereinst verkünden würde: „Die Schokoladenration wird von 80 g pro Woche auf 60 g erhöht.“ Heute sind wir wesentlich weiter. Nicht nur die politische Sprache, sondern weite Felder der Sprachkultur verfahren nach dem Umkehrprinzip (lat. perversus).
Schreibt der Lehrherr dem Zögling ins Stammbuch, dieser habe sich im Großen und Ganzen um die Aufgaben bemüht, meint er einen total unbrauchbaren Kerl. Wer nach Katalog ein Ferienquartier bucht in einem aufstrebenden Ort in günstiger Verkehrslage, findet sich in einer autoumtobten Baustelle wieder und muss anschließend Urlaub nehmen. Spricht die Regierung von Steuersenkung, fange man das Sparen an für den nächsten Anstieg der Steuerschraube. Vollmundige Existenzgründungsdarlehen werden so gehandhabt: Vor Gründung einer Praxis gibt es nichts, weil die Sicherheit fehlt und die Praxis erst gegründet werden muss. Gleich nach Gründung gibt es auch nichts, weil es nun nicht mehr nötig sei (so erlebt um 1980). Fordert die Ministerin für Krankenversorgung, die sich Ge­sund­heits­mi­nis­ter nennt, von den Ärzten endlich auch einmal eine Nullrunde, weiß jeder, dass der langjährige Einkommensschwund nun beschleunigt wird. Und säuselt sie gar von Lebensqualität und Solidaridingsda, kann man das auch gleich einordnen. Kaum etwas ist mehr so gemeint, wie es gesagt wird. Mit dem Sprachverfall entsteht Orientierungsverlust. Durcheinanderwerfen heißt griechisch diaballein, das Ergebnis ist diabolisch. Wer da meint, Sprache sei nur Schall und Rauch und das Gesagte beliebig, irrt. Wir haben nichts als die Sprache, um zu denken und die Welt zu ergründen. Wenn aber das Instrument falsch wird, wie will man Wahrheit finden?
Dr. med. Eberhard Grundmann, Hauptstraße 8, 93133 Burglengenfeld
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