POLITIK

Wettkampf

Dtsch Arztebl 2003; 100(8): A-455 / B-397 / C-374

Böhmeke, Thomas

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Die Tür zum Sprechzimmer geht auf, und zwei überaus zornige Augen kündigen maximale Kampfbereitschaft an. Herr Stunk setzt sich ungefragt und hält mir mit zitternd anklagender Hand ein Schreiben des Versorgungsamtes direkt unter meinen Brillenrand. „Sie, Sie“, und seine Stimme droht zu kippen, „Sie haben da geschrieben, dass ich noch 200 Meter weit laufen kann. Wie kommen Sie nur dazu, Sie Verbrecher im Arztkittel, wo Sie doch genau wissen, dass meine Knie überhaupt nicht mehr mitmachen und meine Lendenwirbelsäule bei jeder Bewegung schmerzt!“ Oh, entschuldigen Sie, weil alles so schnell ging, muss ich Herrn Stunk erst mal vorstellen: 55 Jahre alt, ehemaliger Abteilungsleiter. Bis zu seiner Frühpensionierung vor fünf Jahren war er aufgrund therapierefraktärer Rückenschmerzen fast täglich bei mir. Insgeheim hatte ich gehofft, dass sich diese Frequenz der nicht sonderlich erfreulichen Besuche vermindern würde, wenn er im Ruhestand ist. Denkste!
„Das müssen Sie sofort ändern, da müssen Sie hinschreiben, dass ich nur fünf Meter gehen kann! Das mit den 200 Metern ist eine bodenlose Frechheit von Ihnen!“ Mit großer Sorge sehe ich auf Herrn Stunks Zornesader, die förmlich zu platzen droht. Gut, gut, ich gebe klein bei und versichere ihm, dass ich genau diese Schilderungen dem Sozialgericht mitteilen werde. Triumphierend verlässt Herr Stunk das Sprechzimmer. Ich werfe einen Blick zurück auf den seit Jahren tobenden Krieg zwischen Herrn Stunk und dem Sozialgericht. Die Eskalation um die Feststellung der Schwerbehinderung von Stunk hatte ein Ausmaß erreicht, dass die Akten nur noch per Tieflader transportiert werden konnten. Allein die Gutachten hätten das Volumen einer Brockhaus-Edition. Nachdem sich verschiedene Gutachter in unserem Ländchen geweigert hatten, ihre Stimme im Für und Wider zu erheben, wurde bundesweit fachkundige Schlichtung gesucht. Dies hatte zur Folge, dass Herr Stunk es für nötig befand, per ICE anzureisen, und zwei Übernachtungen in einem Sternehotel geltend machte. Als ein unerfahrener Sachbearbeiter ihm diese Kosten kürzen wollte, zettelte Herr Stunk drei weitere Verfahren an: eines für die Rückerstattung der Hotelkosten, das zweite zur Feststellung der Beeinträchtigung eines Klägers durch wiederholte Begutachtungen, das dritte zum Gehalt einer Sekretärin, die ihm beim Formulieren der Klageschriften behilflich sein sollte. Herr Stunk hat mittlerweile profunde Kenntnisse im Verwaltungs- und Sozialrecht. Als ich ihm vorschlug, die Lager zu wechseln, hängte er mir eine Beleidigungsklage an. Seitdem reduziere ich mich auf die Rolle, die Herr Stunk mir zugedacht hatte: Ich notiere schön brav: Kläger kann nur noch fünf Meter laufen. Und bin damit das Schneebrett der Lawine, die unzählige Verwaltungsangestellte, Richter und Gutachter verschlingt.
Es ist ein schöner Samstagmorgen, ich döse auf dem Beifahrersitz des Rettungswagens, im sicheren Bewusstsein, dass beim heutigen Volkslauf außer angerissenen Sehnen nichts Dramatisches passiert. Ich bin nicht wirklich überrascht, als Herr Stunk im papageienbunten Trainingsanzug vorbeikommt. „Man muss doch was für die Gesundheit tun“, ruft er und erwartet ein Lob von mir. „Und übrigens, das mit dem G*, das hat geklappt, wurde auch höchste Zeit. Mein Nachbar hat schließlich auch 90 Prozent und G, das wäre doch gelacht, wenn ich das nicht auch gekriegt hätte!“ Dr. med. Thomas Böhmeke
*G = Gehbehindert im Schwerbehindertenausweis
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