ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2003Irak – 12 Jahre Embargo: Verheerende humanitäre Folgen

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Irak – 12 Jahre Embargo: Verheerende humanitäre Folgen

Dtsch Arztebl 2003; 100(8): A-462 / B-404 / C-381

Claußen, Angelika

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Mutter mit an Leukämie erkranktem Kind Fotos: Gabriele Senft
Mutter mit an Leukämie erkranktem Kind Fotos: Gabriele Senft
Eine Friedensdelegation, darunter zwei Ärzte, hat im
Januar den Irak besucht. Das einst fortschrittliche Gesundheitssystem liegt am Boden.

Seit 1980 befindet sich der Irak im Kriegszustand: Zunächst führte das Land einen acht Jahre dauernden Krieg gegen den Iran, 1990 folgte der Einmarsch des Irak nach Kuwait und 1991 der zweite Golfkrieg mit den nun seit zwölf Jahren anhaltenden Sanktionen.
Die Zahlen und Fakten, die verschiedene UN-Organisationen wie die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) oder UNICEF zur humanitären Lage des Landes am Golf präsentieren, sprechen eine erschütternde Sprache. Als direkte Folge der Sanktionen sterben durchschnittlich 250 Menschen täglich (UNICEF, 1998). Inzwischen zählt der Irak zu den fünf ärmsten Ländern der Welt, während er vor 1980 zu den am besten entwickelten Ländern des Nahen Ostens gehörte. Jedes achte irakische Kind stirbt, bevor es das fünfte Lebensjahr erreicht, zum größten Teil an Diar-
rhö oder Atemwegserkrankungen. Rund 960 000 Kinder (32 Prozent) sind chronisch unterernährt. Der Irak hat weltweit eine der höchsten Kinderkrebsraten. Irakische Ärzte machen dafür die Geschosse mit abgereichertem Uran (300 Tonnen) verantwortlich. In Basra, einer Stadt im Süden des Landes, in der während des 2. Golfkrieges besonders viel Uranmunition abgeworfen wurde, sind drei Prozent der neugeborenen Kinder schwerstmissgebildet. Bisher konnte die WHO keine Studien zur Ursachenaufklärung durchführen, weil sowohl die USA als auch Großbritannien die Erlaubnis dazu verweigerten. Rund zwei Drittel der irakischen Bevölkerung leben allein von den monatlichen Nahrungsmittelrationen: neun Kilo Mehl, drei Kilo Reis, zwei Kilo Zucker, ein Pfund Linsen, ein halbes Pfund Bohnen und 1,25 Kilo Öl.
Berührend und schockierend zugleich ist die Konfrontation mit den vielen leukämiekranken Kindern im Al-Mansour-Hospital in Bagdad. Immer wieder erzählt der Hämatologe Dr. Murtada Hassan fast gleiche Krankengeschichten über die kleinen Patienten: Der fünfjährige Atal leidet an einer akuten myeloischen Leukämie – Behandlung nicht möglich, da zurzeit keine Chemotherapeutika verfügbar sind. Abbas ist 12 Jahre alt und vor zwei
Jedes achte irakische Kind stirbt, bevor es das fünfte Lebensjahr erreicht, zum größten Teil an Diarrhö oder Atemwegserkrankungen.
Jedes achte irakische Kind stirbt, bevor es das fünfte Lebensjahr erreicht, zum größten Teil an Diarrhö oder Atemwegserkrankungen.
Jahren erstmals an akuter lymphoplastischer Leukämie erkrankt. Damals erhielt er eine Chemotherapie. Vor sechs Wochen ist ein Rezidiv aufgetreten – keine Chemotherapie möglich, da keine Asparaginase vorhanden. Der sechsjährige Ibrahim mit akuter lymphoplastischer Leukämie befindet sich im Terminalstadium. Hamsa ist erst eineinhalb Jahre alt – Hämophilie, kein Faktor 8 vorhanden. „Es ist furchtbar, entscheiden zu müssen, wer weiterlebt und wer stirbt, wenn uns die Medikamente wieder ausgehen“, sagt Hassan. „Immer wieder gibt es infolge der Sanktionen Lieferengpässe und Verzögerungen. Selbst Nitroglyzerin ist für unsere Patienten verboten. Es fällt wegen so genanntem ,dual-use‘ unter die Sanktionen.“
Über ähnliche Erfahrungen berichtet Dr. Eva-Maria Hobiger, eine österreichische Ärztin, die ein Hilfsprojekt im Mutter-Kind-Hospital in Basra leitet. Sie habe verschiedene medizinische Geräte zum Aufbau einer Blutbank beantragt, darunter Spezialzentrifugen, einen Plasmagefrierschrank, einen Spezialkühlschrank zur Aufbewahrung von Blutkonserven sowie einige Infusiomaten. Nachdem der amerikanische Vertreter des Sanktionskomitees ihre Anträge neun Monate lang immer wieder abgelehnt hatte, reiste ihr Stellvertreter selbst nach New York, um die Angelegenheit persönlich dem amerikanischen Vertreter Andrew Hillmann vorzutragen. Dessen Antwort habe gelautet: „Ich spreche mit Ihnen nicht über leukämiekranke Kinder. Ich spreche mit Ihnen nur über das Regime von Saddam Hussein.“
Aufgrund der zerstörten Infrastruktur nach dem letzten Golfkrieg haben sich die hygienischen Verhältnisse extrem verschlechtert. Besonders betroffen ist die Stromversorgung, ohne die auch das Wasser- und Abwassernetz nicht funktionieren. Die Folge ist ein massiver Anstieg der Infektionskrankheiten. Dazu kommt, dass häufig Spezialmedikamente, wie Pentostam zur Behandlung der Kala Azar, einer Leishmaniose, die hauptsächlich in den Tropen und Armutsgegenden vorkommt, nicht vorhanden sind.
Dr. Abd-El Kareem im Mutter-Kind-Hospital in Basra zeigt mir mehrere Kleinkinder, die an Kala Azar erkrankt sind. „Diese Krankheit ist zu 100 Prozent heilbar, wenn wir das Pentostam zur Verfügung hätten. Warum sind die Kinder im Irak es nicht wert, angemessen behandelt zu werden?“ Hobiger, ebenfalls Mitglied der Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs (IPPNW), berichtet, dass sie das Präparat beim britischen Hersteller bestellen wollte. Als die Firma erfuhr, dass es für das Hilfsprojekt in Basra bestimmt sei, erhielt Hobiger die Auskunft, das Mittel falle unter die Sanktionsbestimmungen. Das Sanktionskomitee bestreitet dies.
„Es ist furchtbar, entscheiden zu müssen, wer weiterlebt und wer stirbt, wenn uns die Medikamente wieder ausgehen.“ Dr. Murtada Hassan, Al-Mansour-Hospital, Bagdad
„Es ist furchtbar, entscheiden zu müssen, wer weiterlebt und wer stirbt, wenn uns die Medikamente wieder ausgehen.“ Dr. Murtada Hassan, Al-Mansour-Hospital, Bagdad
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„Stellen Sie sich vor, wenn das bei Ihnen in Deutschland passiert“, sagt Margaret Hassan, Mitarbeiterin der britischen Organisation Care. „Zwölf Jahre lang Embargo, zwölf Jahre abgeschnitten von der Welt muss ein ganzes Volk auf extremer Sparflamme leben. Und das nach Krieg, Zerstörung der gesamten Infrastruktur. Sie haben als Ärztin zuvor 1 000 bis 2 000 Dollar im Monat verdient, und jetzt seit Jahren fünf bis zehn Dollar im Monat. Und jetzt droht noch ein Krieg. Würden Sie nicht ebenso alle Ängste und Sorgen verdrängen, weil es ja doch nichts ändert. Sie können die Regierung nicht beeinflussen. Sie leben in einer Diktatur. Sie haben sowieso jeden Tag damit zu tun, ihr Leben zu organisieren.“
In den Gesprächen mit Regierungsvertretern wird deutlich, dass sie nicht über Alternativen nachdenken. Sie sind gefangen in den Argumentationsschleifen gegenüber ihren Gegnern aus der Regierung Bush. Nichts verlautet darüber, was nach Saddam Hussein kommen könnte. „Wenn einzelne Gesprächspartner der Regierung alternative Ideen hätten, würden sie diese bestimmt nicht äußern“, meint ein Student, den ich auf einem Büchermarkt kennen gelernt habe. „Sie können doch nicht wissen, ob die Aussage eventuell weitergegeben wird, also als Opposition zum Regime bewertet wird.“
Die Gespräche mit Menschen auf dem Markt, mit Vertretern von Nicht-Regierungsorganisationen, mit katholischen Würdenträgern und mit Regierungsvertretern verdeutlichen, dass es ein langwieriger und schwieriger Prozess sein wird, bis dieses Land sich zunächst von den Folgen der bisherigen Kriege und des Embargos erholt, um sich dann aus den Strukturen der Diktatur zu lösen. Ein erneuter Krieg hätte in jedem Fall verheerende Folgen.
Dr. med. Angelika Claußen
Vorsitzende der IPPNW

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