ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2003Ökonomie: Inakzeptable Grenzüberschreitung
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LNSLNS Wenn ein Vorstandsmitglied der Bundes­ärzte­kammer sich mit Fragen von Ethik und Gesundheitsökonomie kritisch auseinander setzt, darf die Leserschaft besondere Anforderungen an die Qualität der Gedankenführung erwarten. Diesem Anspruch wird Herr Möhrle leider nicht ansatzweise gerecht, stattdessen ergeht er sich in undifferenzierten Angriffen gegen die Herren Gandjour und Lauterbach, gegen den Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen und gegen die Bundesregierung.
! Man sollte m. E. sehr wohl der Grundannahme von Gandjour und Lauterbach widersprechen, dass man in der Zukunft fast schicksalhaft von einer bedenklichen Mittelverknappung im Gesundheitswesen ausgehen müsse. Ein solches Szenario antizipiert ein ethisches Dilemma, das ich persönlich niemals fatalistisch akzeptieren würde. Wie Herr Möhrle von der daraus abgeleiteten Überlegung, wie man eine durch Mittelverknappung ausgelöste Unterversorgung am besten abwehren könne, die Autoren in die Nähe von Schreibtischtätern der ausgehenden Weimarer Republik und noch eindeutiger in die Nähe der Verantwortlichen für die NS-Morde an Kranken bringen kann, das bleibt mir dann aber doch unerfindlich. Der Bundes­ärzte­kammer sei dringend nahe gelegt, mit jeder Form von Vergleichen heutiger Meinungen und Verhältnisse zur NS-Medizin sehr vorsichtig umzugehen. Es ist noch nicht so lange her, dass die Bundes­ärzte­kammer erst nach jahrzehntelangem Drängen endlich die Schuld maßgeblicher Kreise der deutschen Ärzteschaft für die NS-Medizin eingestanden hat. Möhrles Auseinandersetzung mit Lauterbach und Gandjour hat mit einer legitimen Kritik von heute weitverbreiteten Annahmen innerhalb der Rationierungsdebatte nichts zu tun. Sie zielt nach meiner persönlichen Einschätzung darauf ab, einen unbequemen Kritiker zu diffamieren. Zu einer angemessenen Auseinandersetzung mit der ohne Frage extrem komplizierten Rationierungsthematik verweise ich u. a. auf die Beiträge von Frau Mack und Herrn Siegrist in „Ethik in der Medizin Jg. 13/2001“. Ich möchte eine andere Äußerung von Herrn Lauterbach zitieren, der sich bekanntlich gegen die Forderung nach Aufteilung des Leistungskatalogs der GKV in Grund- und Wahlleistungen wendet: „Befinden sich in einer Zusatzversicherung evidenz-basierte Leistungen mit guter Kosten-Nutzen-Relation (etwa im Bereich Prävention), wäre es ungerecht, diese nicht allen gesetzlich Versicherten zur Verfügung zu stellen.“ (Schleswig Holsteinisches Ärzteblatt 7/2001, S. 52.) Dies zielt nun eindeutig auf Gleichbehandlung aller Versicherten und nicht auf Ausgrenzung ab.
! Indem Herr Möhrle das „ständige Gewäsch von Unter-, Über- und Fehlversorgung“ und das „ständige Gemeckere über mangelnde Qualität“ beklagt, zeigt er seine Verachtung der detaillierten Darlegungen des Sachverständigenrates und scheint unberührt von der einschlägigen wissenschaftlichen Debatte im internationalen Schrifttum. Der Leserschaft sei überlassen, sich an- hand der Zusammensetzung des jetzigen Sachverständigenrates eine Meinung dazu zu bilden, wen Herr Möhrle hier mit leichter Hand in die Ecke von lästigen Schwätzern stellt.
! Herr Möhrle bedient schließlich das Vorurteil, die momentane Bundesregierung bestünde aus Steinewerfern, Häuserbesetzern und Straßenkämpfern der 68er- Generation. Derartige Darstellungen möchten ja in Kommentaren mancher Boulevardzeitungen nicht zu Verwunderung Anlass bieten. Im offiziellen Organ der deutschen Ärzteschaft ist es denn doch mehr als beachtlich, wenn ein Vorstandsmitglied der Bundes­ärzte­kammer die Bundesregierung kriminalisiert.
Herr Möhrle hat jedes Augenmaß in der kritischen Betrachtung seiner Umwelt verloren. Es wäre ausgeschlossen, derartige Kommentare im British Medical Journal zu finden, das weitreichende Kritik niemals mit Beleidigungen verwechselt . . .
Prof. Dr. med. Norbert Schmacke, Friedenstraße 18, 40219 Düsseldorf
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