THEMEN DER ZEIT: Aufsätze

Grenzen der Medizin: Weil die Medizin in Europa so gut ist . . .

Dtsch Arztebl 1996; 93(6): A-305 / B-250 / C-226

Beleites, Eggert

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
Die Grenzen der modernen Medizin werden heute nicht mehr so sehr von dem "Nicht-Machbaren" bestimmt als vielmehr durch die Diskrepanz zwischen "Machbarem" und "Verkraftbarem".


. . . führt sie zu einer Ressourcenverknappung – nicht nur der Finanzmittel,
das wurde deutlich am Pflegenotstand. Je besser unsere Medizin ist, um so mehr Pflegebedarf entsteht, das heißt gute Medizin produziert selbst – durch die Rettung von Menschen, sei es im Alter oder nach Unfällen oder bei schweren Krankheiten – Pflegebedürftigkeit. Die Pflegekapazität kann aber nicht beliebig ausgeweitet werden. Unzureichend sind schon heute soziale Dienste, poststationäre Versorgungseinrichtungen, Palliativmedizineinrichtungen oder Alters- und Pflegeheime. Die Ressourcen "Zuwendung", "soziale Kompetenz" und "Zeit" sind durch mathematisch-naturwissenschaftliche Forschungen nicht zu vermehren. Auch großzügige Finanzzuwendungen können das Potential dieser Faktoren kaum erweitern. Um nicht völlig chaotische Zustände entstehen zu lassen, muß jedoch ein vernünftiges Verhältnis zwischen Pflegekapazität und Pflegenotwendigkeit gewahrt bleiben. Der Medizin werden allein durch das Problem, Pflegebedürftigkeit nicht ausweiten zu dürfen, Grenzen gesetzt.
Eine weitere Ressourcenknappheit wird in der Transplantationsmedizin deutlich. Organe sind von Natur aus knapp und sollten nicht käuflich erwerbbar sein. Sie können auch (glücklicherweise?) heute noch nicht produziert werden. Ein Organhandel wird von uns verabscheut, hat sich aber leider in den letzten Jahren trotz verschiedener Verbote bereits entwickelt. Diese Kriminalität wird durch den Fortschritt der Medizin gefördert, durch Bekämpfung der Kriminalität wird der Fortschritt der Medizin begrenzt. Der Organmangel in der Transplantationsmedizin initiiert zudem neue ethische Probleme, denen wir zur Zeit noch nicht gewachsen sind.


. . . führt sie zu schwer lösbaren ethischen Problemen.
Die stürmische Entwicklung der letzten Jahre hat die bislang geltenden Tabus überschritten. Heute ist eine künstliche Befruchtung durchaus eine übliche, ja von der Solidargemeinschaft sogar in einem gewissen Umfang getragene Medizinmethode. Diejenigen, die Leben künstlich schaffen, sind mit dem Dilemma belastet, auch immer gleichzeitig überzähliges Leben vernichten zu müssen und damit Leben auszuwählen, ohne die Folgen wirklich zu kennen – möglicherweise sogar zielgerichtet nach irgendeines jemanden Wunsch, zwischen wertvollem und nicht so wertvollem Leben zu differenzieren. Das kommt einem Schöpfungsakt schon sehr nahe. Ob die moderne Medizin in jedem Fall verantwortlich mit dieser Fähigkeit umgehen kann, muß zumindest hinterfragt werden.
Noch immer gibt es in Deutschland Tabus, die in anderen Ländern längst überschritten werden. Eine Schwangerschaft mit 60 Jahren, eine Leihmutterschaft oder eine Zuchtauswahl sind heute möglich, bei uns jedoch verboten. In diesem Zusammenhang möchte ich die hervorragenden Möglichkeiten der pränatalen Diagnostik erwähnen. Zunächst geht es dabei wiederum um ein sehr segensreiches, diagnostisches, möglicherweise auch therapeutisches Eingreifen vor der Geburt. Schwere Fehlbildungen können so vermieden werden. Aus ethischer Sicht, auch im Hinblick auf die Kosten für die Gesellschaft, ist es schwierig, vorher abzuschätzen, was besser ist: genetische Pränataldiagnostik mit gezieltem Schwangerschaftsabbruch oder das Austragen einer Risikoschwangerschaft. Diese Pränataldiagnostik könnte auch benutzt werden, um zum Beispiel eine bestimmte Behinderung oder gar ein nicht gewünschtes Geschlecht auszuschließen.
Die Diskrepanz zwischen mathematisch-naturwissenschaftlich untersetzten Fähigkeiten und ethischer Verantwortlichkeit wird auch bei der noch nicht sauber geklärten Definition des Beginns des Lebens deutlich. Fängt das Leben schon bei der Eizelle und den Samenfäden oder erst nach Verschmelzung oder, wie es für die In-vitro-Fertilisation wichtig ist, erst nach der Nidation oder erst mit Einsetzen der Hirntätigkeit analog der Definitionen des Hirntodes an? Wie schwierig, aber auch willkürlich eine Definition ist, läßt sich an dem Kriterium "Gewicht", das die Grenze zwischen Geburt und Abort festlegt, erkennen. Bisher bestimmte ein Gewicht von 1000 Gramm die Grenze zwischen Totgeburt und Abort. Demnächst werden es 500 Gramm sein. Weshalb überhaupt eine Grenze, und wer darf sie nach welchen Kriterien festlegen? In der DDR galten zwei Lebenszeichen als Voraussetzung für eine Lebendgeburt, während in der Bundesrepublik-West nur ein Lebenszeichen gefordert wurde. Daraus ergaben sich Unterschiedlichkeiten bei der Beurteilung der Säuglingssterblichkeit.
Noch vor wenigen Jahren war der Tod genau determiniert. Wenn das Herz aufgehört hatte zu schlagen, war man tot. Heute gibt es offenbar mehrere Tode: Herztod, Hirntod. Vielleicht wird künftig eine weitere Todbestimmung definiert, etwa Stammhirntod. Hirntransplantationen sind ja bereits in der Entwicklung (Gehirnzellen vom Embryonen werden schon zur Parkinson-Therapie verwendet). Dazu braucht man lebende Hirnzellen. Ein hirntoter Spender wäre nicht geeignet. Solche Beispiele ungeklärter ethischer Probleme lassen sich beliebig verlängern: Ich denke dabei unter anderem an Euthanasie, § 218, RU 486.


. . . führt sie durch Mengen- und Leistungsausweitung zur eigenen Begrenzung.
Je besser die Medizin ist, um so mehr gelingt es, Kranke am Leben zu erhalten, die bei schlechter Betreuung viel eher gestorben wären. Die am Leben gehaltenen Kranken und alten Menschen müssen natürlich weiterhin medizinisch betreut werden. Es handelt sich dabei um einen Circulus vitiosus, den wir heute noch nicht unterbrechen können. Das Verhältnis zwischen vorwiegend produzierenden Gesunden und vorwiegend konsumierenden Kranken wird in Richtung Krankheit verschoben. Diese Verschiebung ist natürlich nicht beliebig ausweitbar. Auch hier sind der Medizinentwicklung Grenzen gesetzt, die zunächst nichts mit fehlenden Finanzmitteln zu tun haben. Die Diskussion um die Rentenversicherung und auch um die Pflegeversicherung läßt die Problematik deutlich erkennen.


. . . führt sie zur Rationierung und damit zur Eigenbegrenzung.
Die schnelle Entwicklung des medizinischen Fortschrittes bedingt eine explosionsartig anwachsende Kostenlawine, die in keinem Verhältnis zu dem Wachsen des Bruttosozialproduktes steht. Selbst wenn alle Leistungserbringer der Medizin nur einen Minimallohn erhielten, wäre die Kostenexplosion nicht aufzuhalten. Lediglich eine Rationierung der medizinischen Leistungen wird deshalb in Zukunft eine echt eindämmende Wirkung haben können. Die ersten Ansätze, die Solidargemeinschaft zu entpflichten, erleben wir jetzt bei der Zuzahlung zu medizinischen Leistungen. Auch die Zahl der erlaubten In-vitro-Fertilisationsversuche und die Zahl der Großgeräteaufstellungen werden bereits über eine staatlich angeordnete Rationierung begrenzt. Ein Begrenzung bei Alter oder Multimorbidität lehnen wir (zur Zeit?) noch ab. Wir wollen nicht, daß zum Beispiel ein Mensch ab 65 Jahre keine Dialyse mehr bekommt.


. . . führt sie zur Ausweitung des Anforderungsverhaltens der Bevölkerung.
Da alle das gleiche Recht haben, haben auch alle das gleiche Recht auf Teilhabe am medizinischen Fortschritt. Eine gute Medizin schafft medizinische Aufklärung unter der Bevölkerung. Das hat zur Folge, daß der einzelne im Krankheitsfall bis an die Grenze des Machbaren alles fordert. Solch hohe Forderungen will und kann die Solidargemeinschaft nicht tragen; je besser also die Medizin ist, um so eher wird sie an die Toleranzgrenze herankommen, an der die Solidargemeinschaft sich verweigert.


. . . führt sie zu einer "Absicherungsmedizin".
Wenn medizinische Erfolge einklagbar sein sollen, dann müssen juristisch stichhaltige Gründe für Mißerfolge geradezu vorsorglich geschaffen werden. Die geforderte Rechtssicherheit für die Patienten bedingt eine nicht gewünschte und medizinisch nicht begründete Medizinentwicklung, die wiederum der eigentlichen Betreuungsmedizin entgegenwirkt


Auswege
Auswege sind sicherlich nicht einfach und rasch zu finden. Es ist darüber schon viel nachgedacht worden. Leider hat sich bislang alles auf Finanzeinsparung oder Erschließung neuer Finanzquellen reduziert.
Mit Albert Einstein muß man dem entgegenhalten: "Eine neue Art zu denken ist notwendig, wenn die Menschheit überleben will."
So, wie in der Physik die Spaltung des Unspaltbaren, nämlich des Atoms, neue ethische Probleme mit globaler Bedeutung gebracht hat, so führt in der Medizin die Spaltung des Unteilbaren, nämlich des Individuums, in einzelne, weiter lebensfähige Organe zu Problemen mit globaler Bedeutung. In dem Moment, wo wir uns in die Lage versetzt haben, Schöpfung aktiv in die Hand zu nehmen, müßten wir auch mit Schöpfungsverantwortung umgehen können. Dazu fehlen der Menschheit wohl heute noch wesentliche Voraussetzungen.


Außerhalb des rein Finanzwirtschaftlichen muß


1 die Medizin von der reinen Marktwirtschaft ausgeklammert werden. Da man auf Krankheit nicht verzichten kann wie auf Konsumgüter, funktioniert die sonst so sinnvolle Steuerung der Marktwirtschaft über Angebot und Nachfrage im Gesundheitswesen nicht. Es muß zwangsläufig zur Kollision in Grenzsituationen kommen, wenn hier Marktwirtschaft vorausgesetzt wird. Im Krankheitsfall kann man ja nicht einmal an Vernunftsgründe appellieren.
1 das ärztliche Berufsbild verändert werden. Prophylaxe und Prävention sind viel stärker auszubauen und nicht nur auf das Individuum, sondern auf die gesamte Bevölkerung auszurichten. Dabei möchte ich daran erinnern, daß in früherer Zeit wesentliche medizinische Fortschritte nicht im Rahmen der Individualbetreuung, sondern zum Beispiel durch hygienische Maßnahmen erreicht wurden. Pettenkofer hat durch die Regelung der Abwassersituation in München die Cholera bekämpft. Semmelweis hat durch Hinweise auf hygienische Maßnahmen das Kindbettfieber fast ausgerottet. Die Impfungen zum Beispiel gegen Pocken oder Polio haben viel Leid und Elend vermieden, ohne Reparaturmedizin zu sein. Ärztliches Handeln muß auch von der Gesellschaft vielmehr in diese Richtung gedrängt werden.
1 die Schulung und Ausbildung von Allgemeinmedizinern intensiv gefördert werden. Noch immer gibt es nur an wenigen deutschen Hochschulen einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin. Die alleinige Abwendung von der Schulmedizin hin zur Naturheilkunde ist kein gangbarer Weg, wenn auch in unserer Zeit manchmal etwas mehr Ganzheitsmedizin und Anwendungen von Naturheilverfahren angezeigt erscheinen.
1 immer wieder die Entwicklung neuer ethischer Normen angestrebt und auch vermittelt werden. Die Medizinstudenten müssen obligatorisch und kontinuierlich mit diesen Problemen vertraut gemacht werden. Noch immer haben wir an den meisten deutschen Universitäten keinen Lehrstuhl für Medizinethik! 1850 wurde das Philosophikum im Rahmen des Medizinstudiums abgeschafft und dafür das Physikum eingeführt.
1 die Absicherungsmedizin reduziert werden. Es kann einfach nicht angehen, daß aus Furcht vor Haftungsansprüchen medizinische Diagnostik erfolgt, ohne daß damit eine therapeutische Konsequenz ins Auge gefaßt wird. Mediziner und Juristen haben dazu auf einem deutlich niedrigeren Level, als es heute der Fall ist, Standardanforderungen auszuarbeiten.
1 von gesellschaftlicher, nicht ärztlicher Seite her die Medizinkrise ebenso angegangen werden. Künstliche Noxen führen heute noch immer verstärkt zu vielen Berufskrankheiten. Die häufigste Berufserkrankung ist die Lärmschwerhörigkeit. Sie ist von unserer Industriegesellschaft produziert und steigt noch immer an.
1 die Eigenverantwortlichkeit auf allen Ebenen gefördert werden. Sicher kann dazu in geringem Maße die Beteiligung an den Kosten nützlich sein. Wichtig ist jedoch vor allem das Lehren des sorgsamen Umgangs mit der Gesundheit, und das auf allen Ebenen und in frühester Kindheit beginnend.
1 das Anforderungsverhalten abgebaut werden. Eine solche Reduzierung muß in gesunden Tagen eingeübt werden. So, wie wir erkannt haben, daß Wachstum in der Industrie nicht unbedingt positiv ist und möglicherweise rasch an Grenzen stoßen kann, so muß auch bekannt werden, daß medizinischer Fortschritt an Grenzen stößt.
1 von der Solidargemeinschaft viel schärfer formuliert werden, was sie tragen kann und will.


Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Eggert Beleites
Reichardtstieg 2, 07743 Jena

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige