ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2003Arzt-Patienten-Beziehung: Problem unseres kulturellen Selbstverständnisses

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Arzt-Patienten-Beziehung: Problem unseres kulturellen Selbstverständnisses

Dtsch Arztebl 2003; 100(8): A-467 / B-407 / C-384

Schlimme, Jann

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LNSLNS Der interessante Beitrag spricht ein drängendes Problem an, welches vielleicht nirgends so deutlich wie im medizinischen Feld sichtbar wird, jedoch weit darüber hinausgreift und mir tiefer zu liegen scheint. Es geht um die Frage: Wie verstehen wir uns selbst als Mensch? Droht nicht unser Bild des Menschen in der Medizin an sich schon „fragmentarisch“ zu bleiben, der Mensch nur noch in seiner Machbarkeit vorstellbar und „technisch“ verstanden zu werden? Z. B. im Berufsfeld des Psychiaters: Würde ich mich selbst so verstehen, wie ich dem an einer schizophrenen Erkrankung Leidenden die neurobiologische „Basis“ seiner Erkrankung erläutere, würde ich den Psychiater in mir für verrückt erklären. Wo bliebe angesichts dieser Feststellung meines Wesens meine Freiheit und Würde? Bei einem solchen Bild des Kranken stehen zu bleiben, ist in der Medizin nicht sinnvoll. Für Weitergehendes braucht der Mensch Zeit, der Artikel mehr Länge, der Leser wieder mehr Zeit usw. Und so werden dann wichtige Aspekte unterbetont: Jeder Arzt ist auch Archivar/Container seines Patienten; jede ärztliche Tätigkeit arbeitet daran, ärztliche Tätigkeit überflüssig zu machen; ärztliches Verständnis muss den Kranken hochinterpretieren und mehr sehen in ihm, als der Kranke selbst gerade in sich sehen kann, und d. h. auch mehr in ihm sehen als unser medizinisches Wissen. Dies aber ist das Grundproblem der „sprechenden Medizin“: Die „Zeitersparnis“ entsteht nicht im Moment des Sprechens, sondern immer erst später – spart auch dann z. B. erst „Kosten“. Die zentrale Frage des tätigen Arztes kann nur im kulturellen Zusammenhang verstanden werden: Wo soll mir die Zeit im Moment des Patientenkontakts in der ärztlichen Tätigkeit herkommen, wo ich mich doch selbst in der Situation sehe, gewissermaßen chronisch keine Zeit für mich zu haben? Wenn wir uns die Zeit dafür immer „nehmen“ müssen, durch „Zeitmanagement“ Zeitkorridore für ausführliche Kontakte herstellen müssen, werden wir diese Zeit niemals für alle Kranken haben können, da sie uns vom nächsten Kranken immer sofort genommen wird. Und mit Bedauern sinnieren wir dann einmal die Woche bei einem Gläschen Wein darüber nach, wie wir unsere Arbeit noch zeiteffektiver machen können. Und so leben wir weiter in einer Zeit, in welcher uns immer die Zeit fehlt, um zu uns selbst zu kommen. Das kann nicht im medizinischen Feld gelöst werden, sondern basiert auf unserem kulturellen Selbstverständnis.
Dr. Jann Schlimme, Abteilung Klinische Psychiatrie und Psychotherapie, Medizinische Hochschule Hannover, Carl-Neuberg-Straße 1, 30625 Hannover
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